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Masse statt Klasse
Die relative Luftfeuchte wird mittels eines Hygrometers gemessen. Das ist allgemein bekannt. Es wird wohl nur wenige Cigarrenraucher geben, die ihren Humidor nicht mit einem solchen Instrument bestückt haben. Doch wie sieht es beim Kauf eines Humidors aus? Tatsache ist: Viele Humidorhersteller sparen an diesem Instrument. Das ist verwunderlich, denn in nahezu jeder Betriebsanleitung für einen Humidor wird die Empfehlung ausgesprochen, die relative Feuchte regelmäßig zu prüfen und gegebenenfalls den Humidor bei zu hoher Feuchtigkeit auslüften zu lassen. Diese Empfehlung macht zwar durchaus Sinn, nämlich dann, wenn die Feuchtigkeit im Humidor zu hoch angestiegen ist, ist aber auf der anderen Seite sinnlos, wenn das Hygrometer nur unpräzise mißt. Was beim Kauf dieses so wichtigen Utensils zu beachten ist, das verrät Marc André, unser Experte in Sachen Cigarrenlagerung …

Analoge Hygrometer
Analoge Hygrometer bestehen aus einem in ein Gehäuse eingebauten Zifferblatt, an dessen Rückseite eine Mechanik montiert ist. Die durch Feuchteänderung bedingte Bewegung der Mechanik wird auf eine Achse übertragen, an der ein Zeiger angebracht ist. Ändert sich die Luftfeuchte, so bewegt sich der Zeiger über das Zifferblatt und zeigt den jeweiligen Wert an.



Bei weit über 90 Prozent der Hygrometer, die in Humidoren eingebaut sind, handelt es sich um Spiralhygrometer. Als Meßinstrument für diese Art Hygrometer kommt eine gewickelte Metallspirale zum Einsatz, die sich je nach Änderung der Luftfeuchte entweder ausdehnt oder zusammenzieht, um dann die Bewegung auf den Zeiger zu übertragen. Diese Technik hat mit Präzision herzlich wenig zu tun – Abweichungen von über 40 Prozent sind hier keine Seltenheit. Aus diesem Grund sollten Sie besagten Instrumenten mit einer gesunden Portion Skepsis begegnen, auch und gerade, wenn sie bei 70 Prozent wie »angenagelt« verharren, jenen 70 Prozent nämlich, die als Richtwert für eine optimale Lagerung der braunen Schönheiten dienen. Ein weiteres Problem ist die praktisch unmögliche Kalibrierbarkeit dieser meist sehr kleinen Hygrometer: Wenn es einem tatsächlich gelingt, die Kalibrierschraube mittels eines kleinen Schraubenziehers zu drehen, kann mitunter das ganze Hygrometer auseinanderfallen. Nahezu alle Hygrometer mit einem Durchmesser von weniger als 50 Millimetern sind Spiralhygrometer.
Eine erheblich präzisere Technik bieten sogenannte »Haarhygrometer«. Hierbei wird in der Mechanik ein Haar bzw. eine Synthetikfaser eingespannt. Die Faser ändert ihre Länge in Abhängigkeit der Luftfeuchte. Diese Längenänderung wird in eine Drehbewegung umgesetzt, welche sich wiederum auf den Zeiger überträgt. Aufgrund der aufwendigeren und größeren Mechanik sind Haarhygrometer erst ab einem Durchmesser von 50 Millimetern erhältlich.
Aufgrund ihrer sehr hohen Elastizität werden bei Echthaarhygrometern ausschließlich blonde Frauenhaare verwendet. Auch wenn dieser Umstand auf manchen bestimmt einen gewissen Reiz ausübt, sind sie weniger zu empfehlen, da sie gegenüber Hygrometern mit synthetischen Fasern mehrere Nachteile haben. Während das erste Problem die regelmäßige Regeneration betrifft (alle vier Wochen muß das Hygrometer in einen feuchten Lappen gewickelt werden, weil sonst das Haar spröde wird), besteht das zweite, das Hauptproblem, in der logarithmischen Ausdehnung eines Echthaars: Bei geringer Luftfeuchte bewirkt selbst eine minimale Feuchteänderung einen verhältnismäßig großen Ausschlag des Zeigers, doch je höher die Luftfeuchte ist, desto weniger dehnt sich das Haar aus, und damit wird auch der vom Zeiger zurückgelegte Weg geringer. Diesen Sachverhalt kann man an der Skala eines Hygrometers aus Echthaar gut erkennen: Der Abstand von 10 auf 20 Prozent ist weit größer als der von 70 auf 80 Prozent – was wiederum heißt: Je geringer der zurückgelegte Weg des Zeigers ist, desto größer ist der Meßfehler. Allerdings wollen wir im Humidor immer recht hohe Feuchtigkeitswerte messen, also genau den Bereich »unter die Lupe nehmen«, in dem ein Echthaarhygrometer seinen präzisen Bereich verlassen hat.
Es ist daher sinnvoll, ein Hygrometer mit einer synthetischen Faser zu wählen, da hier die Meßcharakteristik der Faser fertigungstechnisch bestimmt wird und weitgehend linear ist. Das bedeutet: Der Zeiger legt über den gesamten Meßbereich zwischen den einzelnen Feuchtemeßwerten nahezu den gleichen Weg zurück und macht somit bei höherer Feuchte auch eine präzisere Messung möglich. Derartige Kunstfaserhygrometer messen, sofern sie denn kalibriert sind, mit einer Genauigkeit von plus/minus 3 bis 5 Prozent relativer Feuchte.
Elektronische Hygrometer
Zunehmend häufiger kommen elektronische Hygrometer zum Einsatz. Sie verfügen über eine LCD-Anzeige und vermitteln den Eindruck hoher Präzision. Die Realität sieht jedoch anders aus: Abweichungen von 20 Prozent und mehr innerhalb der gleichen Baureihe eines Hygrometers sind keine Seltenheit.

Derartige Hygrometer arbeiten mittels eines Sensors, der, vereinfacht dargestellt, aus einer kleinen, graphitbeschichteten Kunststoffolie besteht, an die eine elektrische Spannung angelegt wird. Steigt die Luftfeuchte, so lagern sich Wassermoleküle an die kugelförmigen Graphitmoleküle an und erhöhen damit den elektrischen Leitwert der Folie. Diese Erhöhung wird auf dem Display dann als Anstieg der relativen Feuchte (rF) in »%/rF« angegeben.
Problematisch an dieser Technik ist, daß sich die Sensoroberfläche mit der Zeit mit Staub und Ablagerungen zusetzt. Sind die Ablagerungen hygroskopisch, so wird ein zu hoher Wert gemessen, und der besorgte Raucher wird die Befeuchtung reduzieren, obwohl das unweigerlich zum Austrocknen seiner Cigarren führt. Verhindern die Ablagerungen dagegen das Anlagern von Wasser, so wird ein zu niedriger Wert gemessen, und der verwirrte Aficionado wird die Befeuchtung verstärken – bis ihm die Cigarren »aus dem Humidor schwimmen«.
Zur Ehrenrettung der digitalen Hygrometer muß allerdings gesagt werden: Es gibt durchaus auch recht präzise Geräte. Das Problem: Vergleicht man zehn Hygrometer des identischen Typs, so erhält man zehn verschiedene Meßwerte. Hierbei stellt sich automatisch die Frage: Welcher ist der richtige?
Präzisionshygrometer
Wirklich exakt mißt die relative Feuchte nur ein Präzisionshygrometer. Hier wird das kapazitive Meßverfahren verwendet, das allen vorgenannten Methoden hinsichtlich der Genauigkeit überlegen ist. Dabei wird die Änderung eines elektrischen Felds abhängig von der Umgebungsfeuchte gemessen. Neben dem Nachteil des optischen Erscheinungsbilds eines derartigen Hygrometers, das eher an ein Sprechfunkgerät erinnert, kommt noch ein weiteres Hemmnis hinzu: Aufgrund seines hohen Stromverbrauchs eignet es sich weniger für den Dauerbetrieb.
Die präziseste Meßmethode der relativen Feuchte ist nach wie vor die mittels eines Taupunktspiegels. Allerdings ist diese Technik aus Kostengründen für den Cigarrenraucher irrelevant und sei hier nur der Vollständigkeit wegen erwähnt.

Das Kalibrieren eines Hygrometers
Kein Hygrometer kann auf Dauer eine halbwegs präzise Messung der relativen Feuchte garantieren, wenn es nicht regelmäßig kalibriert wird. Die folgenden Ausführungen beziehen sich nur auf analoge Hygrometer, da die digitalen Vertreter eine Kalibrierung nicht zulassen.
Bei der Kalibrierung stellen Sie den Zeiger des Hygrometers auf einen bestimmten Feuchtewert, von dem Sie wissen, daß er gerade in unmittelbarer Umgebung des Hygrometers vorherrscht. Allerdings dürfen Sie nicht dem Trugschluß erliegen, Sie könnten mit Hausmitteln ein Hygrometer auf das Prozent genau kalibrieren. Aber auf plus/minus 3 Prozent kommen Sie schon heran. Sehr einfach durchzuführen ist die »Feuchte-Lappen-Methode«. Das Hygrometer wird in einen feuchten Lappen eingewickelt und nach etwa einer Stunde auf 98 Prozent eingestellt. Allerdings hat jedes Hygrometer eine eigene Meßcharakteristik und damit einen präzisen und einen unpräziseren Bereich. Das heißt, daß diese Methode unter Umständen zu einem verfälschten Ergebnis führt, weil man ja bei einem Wert von circa 100 Prozent relativer Feuchte mißt bzw. kalibriert und nicht bei dem Wert, den man eigentlich präzise messen will, nämlich 65 bis 75 Prozent.
Eine etwas aufwendigere, aber weit exaktere Methode ist das Prinzip der »Feuchte-normalen«.
• Nehmen Sie hierzu einen großen Topf und vermischen Sie 100 Milliliter Wasser mit 40 Gramm Kochsalz. Das Salz wird sich nicht gänzlich auflösen, weshalb Sie eine gesättigte Kochsalzlösung erhalten.
• Stellen Sie in den Topf ein Glas mit der Öffnung nach unten. Legen Sie das zu kalibrierende Hygrometer auf das Glas. Nun verschließen Sie den Topf mit einer Klarsichtfolie und warten gute drei bis vier Stunden. Dabei ist es elementar wichtig, daß die Temperatur konstant bleibt und sich wirklich nicht verändert. Nach dieser Zeit herrschen in dem Topf 75 Prozent relative Feuchte – und auf genau diesen Wert stellen Sie das Hygrometer ein.
• Wenn Sie es ganz präzise machen wollen, dann erzeugen Sie mittels eines Kleinstlüfters, den Sie in den Topf hängen, einen leichten Luftzug, damit auch tatsächlich überall die gleiche Feuchtigkeit herrscht.
Diese Kalibriermethode hat den Vorteil, daß das Hygrometer auf einen Wert kalibriert wird, der den angestrebten 70 Prozent möglichst nahe kommt.
Speziell im Internet ist immer wieder der Hinweis zu lesen, daß die Temperaturkonstanz bei dieser Kalibriermethode nicht erforderlich sei, da sich in einer gesättigten Kochsalzlösung in einem Temperaturbereich von 15 bis 30 Grad Celsius stets die gewünschten 75 Prozent relative Feuchte einstellen würden. Das ist zwar richtig, ist aber ein Stück zu kurz gedacht. Bei 75 Prozent relativer Feuchte und 15 Grad Celsius ist in der Luft effektiv weniger Wasser gelöst als bei gleichen 75 Prozent relativer Feuchte und 25 Grad Celsius (einfach deshalb, weil die Luft mit zunehmender Temperatur auch mehr Wasser speichern kann). Schwankt nun die Temperatur, so muß die Luft zunächst einmal die überschüssige Feuchte an die Salzlösung abgeben (beim Abkühlen) bzw. wieder aufnehmen (beim Erwärmen). Während dieser Zeit kommt es dann zu Fehlmessungen – und zwar pro Grad Temperaturschwankung um die 3 Prozent relativer Feuchte. Es geht also nicht um die Frage, ob Sie diese Kalibriermethode bei 18 oder 20, bei 22 oder 25 Grad Celsius durchführen (das ist in der Tat egal), sondern allein darum, daß Sie die Temperatur konstant halten – egal, welch anderslautende Ratschläge im Internet auch kursieren mögen.
Materialvorbereitung: Eldar Tusmuchamedow |
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