home Home > Cigar Clan 3/2008 > Jaguar-Chef effrey L. Scott
News Cigar Clan-Inhalt Tastings Abo Kontakt Media-Information & AGBs Where to find


 


Jaguar-Chef effrey L. Scott

b
Autohaus Kronberg. An diesem letzten Tag im Januar zeigt sich der Taunus nicht gerade von seiner besten Seite. Die tiefhängenden Wolken lassen alles grau in grau erscheinen. Sonnenstrahlen sind jedenfalls keine auszumachen. Unterstrichen wird die vorherrschende Tristesse noch durch einen leichten Nieselregen. Obwohl optisch so gut wie nicht wahrnehmbar, spürt man die unangenehme Feuchtigkeit, sobald man aus dem Auto steigt. Drinnen, im Autohaus, ist es bedeutend angenehmer. Neben der wohltuenden Wärme erfreut einen auch der Anblick der automobilen Karossen, die im Showroom präsentiert werden. Bis auf zwei Geschosse, die auf den Namen ›Aston Martin‹ getauft sind, handelt es sich ausschließlich um ›Jaguars‹: Limousinen, Coupés, Cabriolets. Nahezu alle Modelle der englischen Nobelmarke sind in einem distinguierten Silbergrau gewandet.
Da ich vor der vereinbarten Zeit eingetroffen bin, muß ich noch auf den obersten Herrn der PS-Raubkatzen warten. Nach wenigen Minuten fährt er auch schon auf den Hof des Autohauses. Er sitzt jedoch nicht hinter dem Steuer eines ›Jaguars‹, sondern fährt einen ›Land Rover‹. Jeffrey L. Scott ist nämlich nicht nur der oberste Mitarbeiter von ›Jaguar Deutschland‹, sondern ist auch verantwortlich für den Erfolg von ›Land Rover Deutschland‹, ebenfalls eine britische Marke von Rang (die übrigens in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag feiert).
Eigentlich hätte Jeffrey L. Scott zu Fuß kommen können, ist doch die Deutschland-Zentrale von ›Jaguar‹ und ›Land Rover‹ in Schwalbach am Taunus nur einen Steinwurf entfernt. Aber es regnet ja, und außerdem haben wir noch eine kurze gemeinsame Wegstrecke vor uns. Nach einigen Photoaufnahmen im Autohaus geht es nach Königstein, genauer gesagt in die ›Villa Rothschild‹, noch genauer in die ›Tizian’s Bar‹, regelmäßigen Cigar Clan-Lesern vor allem bekannt durch eine exklusive Wodka-Degustation, die in diesem Schmuckstück von einer Bar so manchem Teilnehmer interessante Geschmackserlebnisse offenbart hat (siehe auch Cigar Clan, Ausgabe № 5/2007, Seiten 104 bis 113). Im ›Tizian’s‹ sorgen edle Hölzer und tiefe Rottöne für eine angenehme Atmosphäre, und die einladenden Sessel lassen einen nicht zu tief sinken, sind demnach ideal, um ein längeres Gespräch problemlos zu »überstehen«. Die Atmosphäre ist auch deshalb angenehm, weil wir alleine sind. Da das Gespräch am frühen Nachmittag in der Wochenmitte stattfindet, ist es möglich gewesen, diese exklusive Bar für einige Stunden für uns freizuhalten.
b

Mister Scott, spätestens seit Gene Kelly wissen wir, wie sich ein Amerikaner in Paris fühlt. Wie fühlt sich denn ein Amerikaner im Taunus?
Mit einer derartigen Eröffnungsfrage habe ich nun gar nicht gerechnet. Aber okay. Ja, wie fühle ich mich im Taunus? Ausgesprochen gut, kann ich nur sagen. Ich habe hier einen tollen Job mit tollen Mitarbeitern, wohne sehr zurückgezogen auf dem Land, also recht ruhig. Außerdem liebe ich diese hügelige Landschaft sowie die Menschen, die hier wohnen. Man geht hier sehr respektvoll miteinander um.
b

Ist das in Amerika nicht so? Oder anders gefragt: Wo sehen Sie Unterschiede zwischen den Menschen, die in den Vereinigten Staaten leben, und denen, die hier im Taunus beziehungsweise in Deutschland zu Hause sind?
Das ist zwar eine einfache Frage, aber die Antwort ist schwierig, weil in dem riesigen Amerika die Menschen von Landstrich zu Landstrich anders sind – einem anders begegnen, einem anderen Alltag nachgehen, ein anderes Leben zu bewältigen haben. Das hat auch damit zu tun, daß die Vereinigten Staaten als klassisches Einwanderungsland ein Konglomerat von Ethnien sind. Generell kann man jedoch sagen, daß die Amerikaner oberflächlicher sind als die Deutschen, als die Europäer insgesamt. Das mag bestimmt mit der noch jungen amerikanischen Kultur zu tun haben – die ›Vereinigten Staaten von Amerika‹ existieren ja erst seit etwas mehr als zweihundertdreißig Jahren. Im Gegensatz dazu können die Europäer auf eine vieltausendjährige Geschichte zurückblicken, haben Höhen und Tiefen erlebt, haben Rückschläge erlitten, sind aus Krisen immer wieder gestärkt hervorgegangen. So etwas prägt, macht ernster, vielleicht auch gewissenhafter. Es gibt natürlich auch zahlreiche Amerikaner, die sehr gewissenhaft sind, aber die Kulturen der Alten Welt und die Kultur des nördlichen Teils der Neuen Welt weisen schon bestimmte Unterschiede auf. Das ist unbestreitbar. Wenn beispielsweise ein Amerikaner zu Ihnen sagt: »Wenn du demnächst einmal bei mir in der Nähe bist, dann schau’ doch mal vorbei« und wenn Sie das tatsächlich in die Tat umsetzen und irgendwann vor seiner Tür stehen, dann ist er sehr erstaunt. Sagt das ein Deutscher zu Ihnen und er erfährt dann, daß Sie vor kurzem in seiner Stadt gewesen sind, ihn aber nicht besucht haben, reagiert er beleidigt: »Du hättest wenigstens anrufen können.« Dieser Vergleich ist zwar sehr allgemein gehalten, aber im Grunde trifft er zu.
b

Haben Sie noch weitere Unterschiede festgestellt?
Aber ja. In Deutschland fühle ich mich relativ sicher, jedenfalls sicherer als in Amerika, auch wenn hier in letzter Zeit viel von Jugendkriminalität die Rede ist. Was ich dagegen weniger gut finde in Deutschland: Hier habe ich sehr oft Heuschnupfen. Das hängt wohl damit zusammen, daß hier die vier Jahreszeiten sehr stark akzentuiert sind …
Aber hierzulande sind die vier Jahreszeiten überhaupt nicht mehr so elementar spürbar wie noch vor gut einem Jahrzehnt …
Aber in Los Angeles, meiner Heimatstadt, findet dieser »sanfte Wechsel« gar nicht erst statt. Dort ist es meistens sehr heiß, und wenn einmal die Temperaturen runtergehen, dann ist es direkt sehr kalt. Gott sei Dank kommt das recht selten vor. Was ich wiederum in Deutschland als sehr beruhigend empfinde: Hier gibt es keine Erdbeben, jedenfalls keine schweren …
Erdbeben?
Ja. Ich habe ein solches schweres Erdbeben buchstäblich am eigenen Leibe erfahren. Das war im Februar 1971. Ich kann mich noch genau daran erinnern, so, als wäre es gestern gewesen. Damals ging ich in die sechste Klasse. Es war morgens gegen sechs Uhr …
Ja, ich sehe es noch vor mir. Im Fernsehen wurden Bilder gezeigt von Brücken, die zusammengebrochen waren, und Autos, die sich auf diesen Brücken befunden hatten und kurz danach in die Tiefe gestürzt waren …
Genau das war dieses Erdbeben. Nachdem ich aufgeschreckt war, wußte ich nach wenigen Sekunden, daß die Erde bebte. Ich spürte das Schwanken des Hauses, nahm das Bersten des Holzes wahr – viele Häuser in Los Angeles sind Holzhäuser – und wartete auf das Splittern von Glas. Dann, das wußte ich, würde es gefährlich werden, dann mußte ich versuchen, ins Freie zu gelangen …
b
Woher wußten Sie das?
In Kalifornien gibt es, wie auch in anderen gefährdeten US-Staaten, regelmäßig Erdbebenunterricht. Es werden Szenarien entworfen – unter anderem ein Erdbebenalarm – und durchgespielt, und jedem wird beigebracht, wie er sich bei einem schweren Erdbeben zu verhalten hat.
Das wußte ich nicht, aber es ist einleuchtend. Schließlich verläuft der ›San-Andreas-Graben‹ zwischen Los Angeles und San Francisco. Apropos Schule: Sie sprechen hervorragend deutsch. Haben Sie Deutsch in der Schule gelernt?
Nein, habe ich nicht. Als ich erstmals nach Deutschland kam, konnte ich kein Wort Deutsch.
Erstaunlich. Wann war das denn, als Sie zum ersten Mal deutschen Boden betraten?
Das war 1975. Ich kam als GI. Damals gab es in Amerika noch den Wehrdienst [heute ist die US-Armee eine Berufsarmee], und der dauerte immerhin vier Jahre. Jeder versuchte natürlich, diese vier Jahre – schließlich eine lange Zeit – einigermaßen angenehm für sich zu gestalten. Es war immer denkbar, daß man seinen Wehrdienst im Ausland absolvieren mußte. Man hatte aber nicht die Möglichkeit, sich freiwillig für einen Auslandsaufenthalt zu melden. Das einzige, worauf man sich festlegen konnte, war die Wahl zwischen zwei Alternativen. Die eine war, einen Beruf, eine Tätigkeit zu bestimmen, die andere, für eine eventuelle Auslandsstationierung ein Land zu wählen. Da ich ja Kraftfahrzeugmechaniker gelernt hatte, hatte ich mich für die Wahl des Berufs entschieden. Ich dachte mir, etwas überspitzt ausgedrückt: Lieber Kraftfahrzeugmechaniker in Grönland als Koch in Japan. Außerdem war diese Festlegung keineswegs explizit mit einem Auslandsaufenthalt verbunden. Von unserer Einheit – hundertzwanzig Mann – sind lediglich vierzehn ins Ausland versetzt worden …
… und Sie waren darunter.
b
Ja. Ich kam nach Deutschland, war in Darmstadt stationiert.
Wie war das, als Sie in Deutschland ankamen?
Schrecklich. Wir landeten auf der Frankfurter ›Rhein-Main Air Base‹ – und es regnete. An diesem Tag und an vielen weiteren Tagen hintereinander. Ununterbrochen regnete es. Einen Monat lang …
Sie sind aber geblieben … und haben nach und nach die deutsche Sprache erlernt …
Nein. Ich war ja nahezu ausschließlich mit Amerikanern zusammen. Sowohl beim Dienst – ich war in der Materialbeschaffung für das Kraftfahrzeugwesen tätig – als auch privat. Das Erlernen der deutschen Sprache kam erst später, nachdem ich das zweite Mal deutschen Boden betreten hatte …
Darf man etwas über die Zeit dazwischen erfahren?
Natürlich. Nach meinem Wehrdienst bin ich zurück in die Staaten und habe in Las Vegas Betriebswirtschaftslehre studiert. In der Wüstenstadt kann man nämlich nicht nur zocken und sein Geld – buchstäblich – aufs Spiel setzen, sondern auch studieren. Dieses Studium habe ich danach in Frankfurt – es zog mich also nach Hessen zurück – wieder aufgenommen. Das war eine harte Zeit. Während ich tagsüber als Zivilist bei der US-Armee in der Abteilung ›Ersatzteilbeschaffung US-Kraftfahrzeuge‹ gearbeitet habe, habe ich abends an der ›University of Maryland‹ studiert, die zu der Zeit in Frankfurt eine Außenstelle hatte.
Eine starke Doppelbelastung …
Wie man’s nimmt. Es war jedenfalls zu schaffen. Außerdem blieb mir gar nichts anderes übrig, wollte ich weiterkommen. Grundvoraussetzung war daher für mich, den Diplomabschluß zu schaffen. Irgendwie mußte ich ja meinen Lebensunterhalt wie auch mein Studium finanzieren. – Wissen Sie, welches Wort in Deutschland mein persönliches Unwort ist?
Sie werden es mir sagen …
Zuschuß.
Ich kann mir denken, worauf Sie hinauswollen …
Dieses Wort sagt sehr viel aus. Ich mag die deutsche Lebensart, mag die Menschen, doch was ich nicht mag, ist diese nicht selten anzutreffende Mentalität, die da lautet: Der Staat hat für mich zu sorgen. Das ist eine fatale Mentalität, denn sie schnürt jede Eigenverantwortung ab, führt letztlich auch zum Verlust der Würde eines Menschen, obwohl viele, die über eine lange Zeit ausschließlich vom Staat unterstützt werden, also von der Gemeinschaft, von uns allen, diesen Verlust gar nicht bemerken. Für diese Menschen ist es eine selbstverständliche Gewohnheit, daß der Staat ihren Lebensunterhalt bezahlt. Was mir fehlt, ist ein großer Mangel an Courage, an Mut, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. So gibt es beispielsweise unter den Gewerbetreibenden in Deutschland mehr Ausländer als Einheimische. Natürlich gibt es auch sehr viele, die ohne eigene Schuld in wirtschaftliche Not geraten, indem sie beispielsweise ihren Arbeitsplatz verlieren, verursacht durch Fehler des Managements in dem Unternehmen, für das sie tätig waren. Diese Menschen meine ich nicht, sondern diejenigen, die erst gar nicht die Absicht haben, für sich selbst zu sorgen beziehungsweise die Initiative zu ergreifen. Mitunter gibt es Familien, die in der dritten, vierten Generation von Sozialhilfe leben …
Die Kindeskinder kennen es nicht anders. Kinder nehmen das an, was ihnen vorgelebt wird …
Da gebe ich Ihnen recht. Bedenklich finde ich es trotzdem, daß es solche Auswüchse gibt. Die Fehler liegen eindeutig in der Vergangenheit. Das soziale Netz wurde irgendwann einmal zu eng geknüpft, und es ist wahnsinnig schwer, die zahlreichen Maschen wieder zu lockern. Siehe Gerhard Schröder …
Also ist doch die Politik schuld …
Weniger. Die Politik kann nicht für alles und jedes verantwortlich gemacht werden. Vielmehr spielt eins ins andere und umgekehrt. John F. Kennedy hat einmal gesagt: »Frage nicht, was der Staat für dich tut, sondern frage, was du für den Staat tun kannst.« Nach westlichem Demokratieverständnis sind die Bürger der Staat. Es heißt ja auch: »Alle Macht geht vom Volke aus.« Diese Aussage wird offensichtlich täglich ad absurdum geführt – aber das sei mal dahingestellt. Was ich damit sagen möchte: In Amerika steht eindeutig die Eigeninitiative im Vordergrund. Sofern es sich nicht um eine nationale Institution handelt, werden dort keine Bibliothek und kein Museum, kein Film und kein Theater, kein Symphonie-Orchester und keine Universität – und somit auch kein Studium – subventioniert. In all diese Einrichtungen und Projekte fließt kein öffentliches Geld, sondern diese Einrichtungen tragen sich allein aus Spenden oder Schenkungen, oder es handelt sich um Stiftungen. Spendet beispielsweise ein Bürger für eine soziale Einrichtung oder ermöglicht er einem jungen Menschen durch die Bereitstellung eines Stipendiums das Studium an einer Eliteuniversität, so hilft er nicht nur einer einzelnen Einrichtung oder einem einzelnen Menschen, sondern auch der Gemeinschaft, übernimmt somit eine Funktion, die hierzulande in der Regel der Staat innehat. Meines Erachtens hat der Staat für gute Rahmenbedingungen zu sorgen, damit sich Kreativität und Ideenreichtum eines jeden einzelnen entfalten können. Diesen Freiraum oder, besser gesagt, Spielraum vermisse ich in Europa. Hier wird subventioniert – auch in Unternehmen. Was ist das für ein Unternehmen, das einerseits mit der Schaffung von Arbeitsplätzen winkt, um andererseits auf Subventionen zu schielen? Wenn das bei einem Unternehmen, ob nun bei einem kleinen, mittleren oder großen, wiederholt auf der Tagesordnung steht, dann verliert es – vergleichbar mit dem Verlust der Würde eines Menschen – unweigerlich seine Identität, weil es nicht mehr authentisch ist. Ich halte diese Praxis – von den einen, den Unternehmen, als selbstverständlich erachtet und praktisch eingeklagt, von den anderen, der Politik, ebenso selbstverständlich gewährt, zum Teil sogar gefördert … diese Praxis halte ich für sehr gefährlich. Wenn Kreativität nur noch dazu eingesetzt wird, möglichst viel an öffentlichen Geldern zu kassieren, dann ist etwas faul im Staate Dänemark …
Das stammt aber nicht von Goethe, sondern von Shakespeare. Haben Sie den auch gelesen?
Meine Literaturkenntnisse beschränken sich nicht allein auf Goethe und Thomas Mann. Aber es stimmt: Ich lese gerne deutsche Literatur. Mein Germanistik-Studium an der Frankfurter Universität, das ich während meines BWL-Studiums aufgenommen habe, soll ja nicht umsonst gewesen sein. Was Shakespeare angeht: Den sehe ich lieber, als ich ihn lese.
Gehen Sie gerne ins Theater?
Liebend gerne. Im letzten Jahr zum Beispiel war ich begeistert von der Jedermann-Aufführung bei den ›Salzburger Festspielen‹. Dieses Stück habe ich bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen.
Und was steht neben Literatur und Theater sonst noch auf Ihrem persönlichen kulturellen Fahrplan?
Museen und Galerien. Deshalb bin ich auch so gerne in London und Rom. In beiden Städten gibt es eine Vielzahl von sehenswerten Museen – und man hat die Qual der Wahl. Aber auch hier in der Nähe, in Frankfurt, gibt es viel Interessantes. Ich denke da vor allem an eines der größten Naturkundemuseen in Deutschland, an das ›Senckenberg‹. Einfach einmalig. Und was die Kunstgalerien anbelangt, steht für mich eindeutig Boston im Staat Massachusetts an erster Stelle. Dort gibt es zahlreiche kleine, sehr innovative Galerien. In ihnen findet man von Skulpturen über Gemälde bis hin zu abgefahrener moderner Kunst einfach alles. Besonders angetan bin ich immer wieder von den eindrucksvollen Wanderaltären …
Was kann ich mir darunter vorstellen?
Eigentlich müßte es »Wanderpredigeraltäre« heißen. Diese Altäre sind zusammenklappbar, dabei von beträchtlichen Ausmaßen, manchmal drei Meter breit und bis zu zwei Meter hoch. Was mich an ihnen fasziniert, ist das Zusammenspiel von Kunst und – wenn auch einfacher – Technik. Zum einen wundervolle Gemälde und aufwendige Schnitzereien, zum anderen die Scharniertechnik. Wenn solch ein Altar aufgeklappt ist, dann sieht man absolut nichts von den Scharnieren, so exakt ist hier gearbeitet worden. Diese Altäre stammen aus der Pionierzeit, als die Prediger den Siedlern hinterherzogen …
Womit wir beim Wilden Westen wären – und beim Film. Wie sieht es damit bei Ihnen aus?
Einen guten Film sehe ich mir gerne an, allerdings lieber im Kino als im Fernsehen. Wenn es geht, schaue ich mir die Originalversion an. Ich habe beispielsweise Das Boot, einen meiner Lieblingsfilme, zuerst in der synchronisierten und dann in der Originalfassung gesehen. Kein Vergleich! In Deutsch ist er viel authentischer.
So langsam könnte der Eindruck aufkommen, daß bei soviel Interesse an Kultur Ihnen keine Zeit für den Beruf bleibt …
Weit gefehlt. Es ist genau umgekehrt. Leider bleibt zu wenig Zeit für das Private. Wobei das Wort »leider« hier nicht angebracht ist, da ich an meinem Job wahnsinnig viel Freude habe.
Beschreiben Sie diese Freude an der Arbeit bitte etwas näher …
Es ist der Umgang mit Menschen und Technik. Man kann bei Menschen etwas bewegen, ebenso bei der Technik. Es ist ein faszinierendes Zusammenspiel: zum einen Mitarbeiter dazu zu motivieren, zusammen etwas zu bewegen, zum anderen mit Technik umzugehen. Das führt zu einem wesentlichen Faktor: Als Team ist es unsere Aufgabe, den angestammten und potentiellen Käufern eines ›Jaguars‹ zunächst etwas Elementares zu vermitteln: Die Technik eines ›Jaguars‹ ist dazu da, das Leben des Kunden zu erleichtern. Was jedoch bedeutend wichtiger ist: Mit einem ›Jaguar‹ ist ein ganz bestimmtes Lebensgefühl verbunden. Warum? Weil ›Jaguar‹ sehr viel mit Emotionalität zu tun hat.
Aber spielen nicht bei jedem Autokauf Emotionen eine Rolle?
Natürlich.
Vor Ihrem Engagement bei ›Jaguar‹ gab es ja schon zwei wichtige Stationen für Sie: ›Saab‹ und ›Toyota‹. Beim japanischen Autobauer waren Sie zuletzt für den Vertrieb des ›Lexus‹ verantwortlich. Allerdings hielten sich auch in dieser Zeit die Verkaufszahlen der Nobelkarosse in Grenzen. Nicht gerade eine Erfolgsgeschichte …
Ich antworte zunächst einmal mit einer Frage: Können Sie mir einen Manager nennen, der nach mir mehr Erfolg mit dem ›Lexus‹ gehabt hat? Ich kenne keinen. Des weiteren: Der ›Lexus‹ – übrigens ein hervorragendes Auto – hat eindeutig das falsche »Dachmarkenlogo«. Jeder Autofahrer hierzulande weiß, daß ›Lexus‹ zu ›Toyota‹ gehört – und ›Toyota‹ steht für gute, zuverlässige Autos der Mittelklasse. Es kommt beim Autokauf nämlich nicht nur auf Emotionalität an, sondern auch auf Authentizität. Beide Komponenten sind eng miteinander verbunden.
Ähnliches gilt wohl für den ›Phaeton‹ von ›Volkswagen‹. Auch er hat das falsche Markenlogo …
Eindeutig. Wie der Name schon sagt, baut ›VW‹ Wagen fürs Volk, und das macht ›VW‹ mehr als gut. Die Klientel, für die der ›Phaeton‹ gedacht ist, kauft für das Geld, das sie für dieses Prestigeauto der Wolfsburger ausgeben müßte, lieber das Auto einer anderen Marke, etwa ›BMW‹ oder ›Mercedes‹ …
… oder ›Jaguar‹.
Vielleicht. Das hat mit der Qualität des Autos absolut nichts zu tun, denn auch beim ›Phaeton‹ haben wir es mit einem Klasseauto zu tun. Davon einmal abgesehen, gibt es heutzutage in Europa praktisch keine Autos, die von der Qualität her zu wünschen übriglassen. Das kann sich kein Autobauer leisten. Emotionalität und Authentizität sind somit nach wie vor die wichtigsten Parameter bei einer Kaufentscheidung. Kein Mensch würde es ›Jaguar‹ abnehmen, wenn das Unternehmen einen Kleinwagen à la ›Polo‹ oder ›Lupo‹ präsentieren würde. Dafür steht die Marke einfach nicht. Um es auf einen einfachen psychologischen Nenner zu bringen: Jedes Produkt hat eine eindeutige Positionierung. Nehmen wir das Beispiel ›Jaguar‹: Selbst als vor geraumer Zeit die Qualität der ›Jaguars‹ nicht gerade, um es einmal vorsichtig auszudrücken, beispielhaft genannt werden konnte, gingen die Verkaufszahlen nur geringfügig zurück. Warum? Weil beim Kauf eines ›Jaguars‹ achtzig Prozent Emotionalität eine Rolle spielen – gegenüber zwanzig Prozent Gebrauchsnutzen. Vielleicht ist aus diesem Grunde ›Jaguar‹ schon immer meine Traummarke gewesen.
Hand aufs Herz: Würden Sie beispielsweise bei ›Porsche‹ eine führende Position bekleiden, hätten Sie etwas anderes gesagt …
Wohl kaum. Wirklich: ›Jaguar‹ war schon immer mein Favorit. Seit meiner Jugend. Das rührt daher, daß unser Nachbar in Los Angeles einen ›Jaguar E-Type‹ fuhr. Wenn er morgens das eigelbfarbene Gefährt startete, ertönte ein Sound, der mir – als Technikbegeistertem – regelrecht durch Mark und Bein ging. Einfach überwältigend …
Glaubt man den einschlägigen Pannenstatistiken, so sind die Mängel, durch die sich die ›Jaguars‹ vor geraumer Zeit »auszeichneten«, längst behoben. Womit ich wieder bei der Technik wäre – und beim Kaufpreis. Was mich erstaunt, ist der günstige Kaufpreis aller Modelle im Vergleich zu den Modellen anderer Marken in dieser gehobenen Klasse. Woran liegt das?
Dafür sind die Manager in den Herstellungswerken Liverpool und Halewood bei Coventry [wo ausschließlich der ›X-Type‹ gebaut wird] verantwortlich. Sie haben ein kluge Einkaufspolitik, was die einzelnen Komponenten der Autos betrifft, also Chassis und Motor, Fahrwerk und Innenausstattung et cetera …
Werden Sie auch mit der geplanten ›EU‹-Verordnung zum CO2-Ausstoß zurechtkommen?
Ach, die ›EU‹ …
Bei Ihnen, der ja einem gewissen Spielraum das Wort redet, wenn es um Kreativität und Entscheidungen innerhalb eines Gesellschaftssystems geht … bei Ihnen müssen ja des öfteren die Ohren klingen, wenn Brüssel mal wieder kundtut, was denn dort beschlossen worden ist.
Bei mir klingen, was die ›EU‹ angeht, tagtäglich die Ohren. Mehrmals [lacht]. Im Ernst: Ständig werden neue Verordnungen, Richtlinien, Erlasse bekanntgegeben. Es hagelt praktisch Verbote und Gebote. Das macht das Leben nicht gerade angenehm, und manchmal spüre ich, wie eine (ohnmächtige) Wut in mir hochkommt. Nehmen Sie zum Beispiel die Rauchverbote: Obwohl ich nur gelegentlich eine Cigarre rauche und mich die Gesetze zum angeblichen Nichtraucherschutz nur peripher tangieren, halte ich diese Bevormundung für einen tiefen und somit nicht nachzuvollziehenden Eingriff in die Privatsphäre eines jeden einzelnen. Wenn in Krankenhäusern und Ämtern und sonstigen öffentlichen Einrichtungen nicht geraucht werden darf – gut. Aber es sollte doch mir überlassen sein, was ich in meiner Freizeit anstelle, sofern ich, das vorausgesetzt, andere nicht belästige. Deshalb sollte es jedem Betreiber eines Gastronomiebetriebs überlassen bleiben, ob er, wenn er über mehr als einen Raum verfügt, einen Raucherbereich einrichtet oder nicht. Und wenn er nur einen Raum zur Verfügung hat, es sich also um die vielzitierte Eckkneipe handelt, dann sollte er ebenfalls bestimmen dürfen, ob er sein Lokal als Raucher- oder Nichtraucherlokal deklariert. Das wäre ein vernünftiger und auch sinnvoller Nichtraucherschutz, da jeder vor dem Betreten eines Lokals informiert würde, um welche Art von Lokal, bezogen auf das Rauchen, es sich handelt. Was beispielsweise in Bayern beschlossen worden ist, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen [Ausnahmeregelungen nur in bezug auf geschlossene Gesellschaften].
Jetzt sind Sie zwar vom Thema abgekommen, aber das macht absolut nichts. Da wir einmal dabei sind: Wie viele Cigarren rauchen Sie, und welche Marke bevorzugen Sie?
Wenn Sie erlauben, fange ich mit der Marke an: Ich rauche ausschließlich ›Davidoffs‹, und zwar in der Regel solche der leichten Fraktion. Und was die Menge anbelangt: Ich bin, wie gesagt, Gelegenheitsraucher. Die Gelegenheit ist immer dann da, wenn ich die nötige Zeit zur Verfügung habe (was leider viel zu selten vorkommt). In solchen entspannten Situationen genieße ich dann auch hin und wieder eine gute Cigarre. Wie ich überhaupt nur richtig etwas genießen kann, wenn ich nicht auf die Uhr schauen muß. Genuß hat bei mir mit allem zu tun, was zwanglos und, wenn ich das mal so ausdrücken darf, zeitlos ist. So könnte ich zum Beispiel das gute Essen eines Spitzenkochs nicht genießen, wenn ich ständig auf die Uhr schauen müßte. Ähnlich verhält es sich mit einer meiner Lieblingsbeschäftigungen in meiner Freizeit, dem Motorradfahren. Ich setze mich auf einen großvolumigen Cruiser und fahre einfach los. Ohne Ziel. Dann erkunde ich den Taunus. Wenn mir eine Gegend nicht zusagt, dann schlage ich eine andere Richtung ein. Obwohl das Motorrad über zweihundert Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit erreichen kann, lasse ich mich regelrecht treiben und gleite mit achtzig über die Straßen. Das ist dann für mich Freiheit pur …
Dann bleibt mir ja nur noch, Ihnen in Zukunft viele solcher Genußstunden zu wünschen. – Mister Scott, ich danke Ihnen für das ausführliche und vor allem interessante Gespräch.


Gespräch und Text: Dieter H. Wirtz

 
Media Clan Group GmbH | Cigar Clan | Knesebeckstraße 50 | 10719 Berlin
Tel.: +49 (30) 886 75 585 | Fax: +49 (30) 886 75 586 | Email: info@cigarclan.de