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Helvetia in Tabakwolken

In der Alpenrepublik erfolgte der erwerbsmäßige Tabakanbau erstmals im Jahre 1682, und zwar in Kleinhüningen bei Basel und im oberen Baselbiet. Dann, ein Dutzend Jahre später, 1694, wurde im Wallis einzelnen Bürgern das Recht eingeräumt, Tabak an Fremde zu verkaufen. Des weiteren förderte Bern den Anbau des Tabaks in seinem Hoheitsgebiet, und auch im Süden – im Tessin, in der Waadt und in den freiburgischen Gebieten der Broye und des Seebezirks – wurde das Wunderkraut angebaut. Und in Avenches, gelegen nahe dem Murtensee im Kanton Waadt, gab es sogar eine staatliche Tabakmanufaktur.
Um 1800 wurde der Tabak in der Schweiz noch mehrheitlich in Pfeifen geraucht oder geschnupft oder gekaut. Immer mehr lösten in der Eidgenossenschaft die Holzpfeifen die Tonpfeifen ab. Das Alpenland entwickelte eigene Pfeifentypen: das appenzellische ›Lindauerli‹, die ›Urnerpfeife‹ der Innerschweiz und die ›Pipe de Maîche‹ des Jurassiers. Vor allem in den hoch gelegenen Regionen, wie etwa dem Wallis, findet man bis heute noch pfeiferauchende Frauen. Das Tabakschnupfen lernten die Schweizer übrigens durch den norditalienischen Klerus und über Kontakte mit Frankreich kennen, wo es im Zeitalter des Rokoko zum guten Ton gehörte, eine Prise zu nehmen. Der Raum Willisau im Kanton Luzern und die Region Altdorf im Kanton Uri sind bis heute Hochburgen des Tabakschnupfens.
Brissago und Stumpen
Die frühen Standorte der Tabakindustrie befanden sich in den Gebieten, in denen der Tabak auch angebaut wurde. Es waren das Tessin und das französisch sprechende Waadtland. Hier wurde der Rohstoff nicht nur zu Pfeifentabak verarbeitet, sondern auch zu Cigarren gerollt. Die älteste Tabakmanufaktur des Waadtlands war die ›Vautier Frères & Cie‹ in Grandson, die 1832 von Henri Vautier gegründet wurde. Im Tessin war es das Dorf Brissago am Langensee (Lago Maggiore), in dem sich 1847 politische Flüchtlinge aus dem lombardo-venezianischen Königreich zusammentaten, um die ›Fabbrica Tabacchi Brissago‹ zu gründen. Ihre Hauptprodukte waren die österreichischen ›Virginias‹, die im Volksmund heute noch »Brissago« genannt werden, und die italienischen ›Toscani‹, letztere bei Mitrauchenden berüchtigt wegen ihres als penetrant empfundenen Geruchs.
In der Deutschschweiz wurde das aargauische Wynen- und Seetal zur Wiege der Cigarrenherstellung. Diese Region, auch »Stumpenland« genannt, liegt westlich des Hallwilersees zwischen den Städten Aarau und Luzern. Unter einem »Stumpen« (französisch »bout«) versteht man in der Schweiz eine bereits bei der Herstellung an beiden Enden beschnittene Cigarre. Literarisch wurde dieses »Stumpenland« übrigens vom Schweizer Autor Hermann Burger verewigt, der in seinem Roman Brenner die Lebensgeschichte eines Cigarrenconnaisseurs erzählt. Diese Lektüre ist ein Muß für jeden Aficionado.

Gründerzeit im »Stumpenland«
Ein gewisser Samuel Weber, Hersteller von Posamenten (Besatzartikeln wie Borten, Fransen und Zierknöpfe), hatte sich, nachdem er in seinem Metier wenig Zukunft sah, Gedanken zum Niedergang des Baumwollgewerbes gemacht und nach Alternativen gesucht. Deshalb schickte er seinen zweitältesten Sohn in den Kanton Bern, wo dieser die Herstellung von Pfeifentabak erlernte. Die Erkundungsfahrt blieb nicht ohne Wirkung: 1838 gründete Samuel Weber in Menziken die erste Cigarrenmanufaktur der deutschsprachigen Schweiz. Der Übergang von der Textil- zur Tabakindustrie ist für die Region des Wynen- und Seetals sowie für den bernischen Unteraargau kennzeichnend. Insgesamt führte die zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung zu einer starken Zentralisierung – und zu einer stetig steigenden Zahl von Arbeitslosen.
Der Bezirk Kulm war diejenige Region im Kanton Aargau, welche die größte Bevölkerungsdichte aufwies. In der allgemeinen Wirtschaftskrise von 1845 bis 1847 mußten hier zahlreiche Menschen hungern. Viele wanderten in dieser Zeit in die Vereinigten Staaten aus. Auch der Textilunternehmer Johann Jakob Eichenberger vollzog einen Branchenwechsel. Der 1821 geborene Sohn eines Textilverlegers in Beinwil am See war in der Westschweiz mit Tabakmanufakturen in Kontakt gekommen. Wohl im Jahre 1841 begann auch er, Cigarren herzustellen. Als Manufaktur mußte vorerst das väterliche Haus genügen. Der Heimatschriftsteller Jakob Frey schilderte die »Hinterstube des bäuerlichen Hauses, in der sich nichts befand als ein langer, grob zusammengefügter Tisch aus Tannenholz und in einer Ecke ein eiserner Rost mit einer großen Pfanne. Auf dem Tisch lag ein Bündel mächtiger getrockneter Pflanzenblätter, daneben einige formlose Wickel von dem ungefähren Aussehen einer Cigarre, und die Pfanne war mit einem braunen Gehäcksel ausgefüllt.«
Sowohl Samuel Weber wie auch Johann Jakob Eichenberger gehörten der Oberschicht an und verfügten daher über gewisse Handelsverbindungen, waren zudem offen für innovative Ideen. Die Tabakverarbeitung war anfangs nicht kapitalintensiv, weil man nicht viel mehr brauchte als einen Raum, Tische, einfaches Werkzeug und den Rohstoff Tabak. Dieser Umstand begünstigte die Entstehung weiterer kleiner und kleinster Cigarrenfabriken
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Im Jahre 1850 gründete Heinrich Hediger in Reinach einen Betrieb, desgleichen Heinrich Hauri, der sich 1853 mit Johann Jakob Gautschi zur Firma ›Gautschi & Hauri‹ verband. Das Kapital, das Gautschis Vater beisteuerte, ermöglichte eine fabrikmäßige Produktion. Bereits 1863 zählte ihre Fabrik hundertzehn Beschäftigte und war der größte Cigarrenhersteller im aargauischen Reinach. So wurden nach und nach aus Textilfabrikanten Cigarrenhersteller. Nur Jakob Baur, der 1858 in Beinwil am See eine Cigarrenfabrik gründete, kam nicht aus der Textilbranche, sondern war von Beruf Bäcker gewesen.

Cigarren für den Krieg
Im Jahre 1843, fünf Jahre nach dem Beginn der Tabakverarbeitung, ließ Samuel Weber in Menziken ein stattliches zweistöckiges Gebäude errichten: Die erste richtige Cigarrenfabrik der Deutschschweiz konnte ihre Arbeit aufnehmen. Andere Unternehmer verlegten die Produktion ebenfalls in Fabriken, oft unter Benutzung leerstehender Räumlichkeiten der Textilindustrie.
Obwohl sich die Cigarrenindustrie im Bezirk Kulm um 1860 gut entwickelt hatte, sollte der bedeutende Aufschwung erst 1862 erfolgen. Ausschlag gab der Sezessionskrieg zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten von 1861 bis 1865. Der Krieg, der für die Vereinigten Staaten Leid und Unsicherheit brachte, verhieß den Arbeitern in der fernen Schweiz bescheidenen Wohlstand. Mit einem der Tabakfabrikanten schlossen Wirtschaftsagenten der Nordstaatenarmee Verträge ab, nach welchen bis zu zehn Millionen Cigarren monatlich geliefert werden sollten. Bis heute weiß man nicht, welche Fabrik eigentlich bevorzugt wurde. In Frage kommen ›Gautschi & Hauri‹ ebenso wie ›Samuel Weber & Söhne‹; beide beschäftigten 1863 um die hundertzwanzig Personen. Da der glückliche Fabrikant Unterlieferanten für sich arbeiten ließ, profitierte die gesamt Region von diesem überseeischen Auftrag. In einer Geschichte des Kantons Aargau ist denn auch zu lesen: »Tabakfuhren waren fast so zahlreich auf den Straßen wie Heufuhren in der Heuernte. Der Unternehmer beschäftigte eine Zeitlang über dreitausend Arbeiter und konzentrierte die Hälfte der gesamten Tabakindustrie in seinen Händen – es schien, als könne der bisher mit bescheidenen Mitteln ausgerüstete Mann über Millionen verfügen.«
Da die Räumlichkeiten der Fabriken bei weitem nicht ausreichten, wurden zusätzlich Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter rekrutiert. Die Heimarbeit hatte aber noch einen weiteren Grund: das ›Fabrikpolizeigesetz‹ von 1863. Laut diesem Gesetz war es verboten, Kinder vor dem dreizehnten Lebensjahr in einer Fabrik zu beschäftigen; außerdem war der Arbeitstag für ältere Kinder auf zwölf Stunden limitiert. Diese Vorschriften konnten aber durch Heimarbeit leicht umgangen werden. Als der amerikanische Geldsegen versiegte, fielen viele Kleinunternehmen ins Nichts, verloren Heimarbeiter ihre Stelle, fanden sich Fabrikanten plötzlich als einfache Cigarrenmacher oder gar Tagelöhner wieder. Sogar die große Firma ›Weber‹ blieb auf Teilen ihrer Produktion sitzen. Dennoch ging die Branche letztlich gestärkt aus der Krise hervor. Insgesamt konnten die Fabrikanten satte Gewinne ins Trockene bringen, denn ihre Produkte waren nun auch in der Schweiz bekannt geworden. Die Pionierzeit im »Stumpenland« war zu Ende.

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