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Noblesse oblige

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"Brocket Hall‹ – das ist ein fabelhafter Platz mit erstklassigen Spiel- und Übungseinrichtungen. Die Tatsache, daß er nur zwei Meilen von meiner Geburtsstätte entfernt ist, macht es mir leicht, diesem Land, für das ich eine tiefe Zuneigung empfinde, etwas Schönes zurückzugeben. Dank der Einrichtung eines Stipendiums für junge Golfer ist es möglich, auch Jugendliche, die aus finanziellen Gründen ansonsten nicht die Gelegenheit hätten, Golf zu spielen, in ihrem Talent zu unterstützen und ihre entsprechenden Fähigkeiten zu fördern"

Diese Aussage stammt von Nick Faldo, einem Golfer, der zu den Besten seines Fachs gehört. Der Brite aus der nördlich von London gelegenen Grafschaft Hertfordshire gehört zwar nicht dem englischen Adel an, aber wer aufgrund seiner Erfolge auf den Greens dieser Welt in die ›World Golf Hall of Fame‹ aufgenommen worden ist, der kann getrost zu den Adligen dieses noblen Sports gezählt werden. Die Aufnahme in diese Ruhmeshalle des Golfsports trug sich im Jahre 1997 zu, nachdem der Ausnahmespieler unter anderem je dreimal das ›Masters‹ in Augusta (US-Staat Georgia) und die ›British Open‹ in Schottland gewonnen hatte, letztere Veranstaltung das geschichtsträchtigste Turnier überhaupt, ausgetragen erstmals vor nahezu eineinhalb Jahrhunderten (1860).

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Backstein-Fluidum
Nick Faldo ist nicht der einzige große Name, der mit ›Brocket Hall‹ in Verbindung gebracht wird. Die legendäre Queen Victoria, Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland (1837–1901), zudem Kaiserin von Indien (1876–1901), war in ihrer Jugend regelmäßig auf dem Landsitz zu Gast. Zu Gast war später auch eine weitere berühmte englische Lady, und zwar die einstige Premierministerin Margaret Thatcher, die sich vor einem guten Jahrzehnt nach ›Brocket Hall‹ zurückzog, um an diesem ruhigen Ort ihre Memoiren niederzuschreiben. Da gehörte die »Eiserne Lady« als Baroness Thatcher of Kesteven schon seit einigen Jahren dem Adel an.
Wir vermerken: Vertreter der blaublütigen Spezies waren auf ›Brocket Hall‹ stets gerne gesehen. Mittlerweile jedoch leben wir bekanntlich in Zeiten, in denen auch Angehörige des gemeinen Volks Zutritt zu Häusern und Anlagen haben, die in ganz frühen Zeiten lediglich dem Adel vorbehalten waren. So auch zum hochherrschaftlichen Anwesen ›Brocket Hall‹, einem der prächtigsten Landsitze in Europa, zudem eine der schönsten Anlagen, die auf dieser Welt dazu einladen, den Golfschläger zu schwingen. Eingebettet in sechshundert Hektar gepflegten englischen Grüns und sanft gewellte Hügel, spiegelt sich die strenge Backsteinpracht von Schloß ›Brocket Hall‹ im Wasser eines herrlich gelegenen Sees, dem man einstmals den Namen »Broadwater« gegeben hat.

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Die Lady aus der Suppenterrine
Solch ein Gemäuer hat eine lange Geschichte – und es kann, wenn es denn könnte, Geschichten erzählen. Beispielsweise die von der unbekleideten Lady, die … aber der Reihe nach …
Es war im Jahre 1760, als ein gewisser James Paine das jetzige Schloß für Sir Matthew Lamb erbauen ließ, nachdem bereits 1239 das erste ›Brocket Hall‹ für dessen Vorfahren errichtet worden war. Sir Matthews Enkelsohn William, der 2. Viscount Melbourne, nicht unbedingt für seinen Intellekt berühmt, hatte lange nicht die Ausstrahlung seines Großvaters. In dieser Hinsicht weniger zurückhaltend war seine erste Frau, denn die machte des öfteren von sich reden. Beispielsweise als eine der vielen Freundinnen des Prinzregenten, des späteren George IV. Der regelmäßige Besucher von ›Brocket Hall‹ und bekennende Anhänger ausschweifendes Lebens gab jedoch nicht ausschließlich seiner Spielsucht nach, frönte auch nicht ständig dem Müßiggang, sondern war daneben ein höchst feinsinniger Mensch, der sich unter anderem rege für Architektur und Inneneinrichtung interessierte – und so entwarf er für ›Brocket Hall‹ eine Suite im chinesischen Stil. Sie heißt heute ›Prince Regent Suite‹ und beherbergt wie ehedem Besucher. Ein Geschenk des späteren Herrschers an seine Geliebte – ein Reynolds – hängt noch heute im Ballsaal.
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Lady Caroline Lamb, die zweite Frau von Lord Melbourne, geriet ebenfalls vor allem durch ihren Liebhaber in die Schlagzeilen. Das leidenschaftliche Auf und Ab ihrer Affaire mit Lord Byron war das »on dit« in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. Als Byron ihrer fordernden Liebe überdrüssig wurde, ließ die zum Pathos neigende Verlassene seine Liebesbriefe nebst einer hölzernen Byron-Puppe zu einem Scheiterhaufen auftürmen und unter großer Anteilnahme der Bediensteten sowie einiger Dorfbewohner verbrennen. Der erwünschte befreiende Effekt blieb jedoch aus, denn als einige Jahre später der Leichenzug des verstorbenen Geliebten an ›Brocket Hall‹ vorbeizog und die vorüberreitende Lady Caroline – angeblich – zufällig Zeugin des emphatischen Ereignisses wurde, war ihre Erschütterung so groß, daß sie ohnmächtig vom Pferd sank.
Melbourne selbst wurde schließlich Premierminister und enger Vertrauter von Queen Victoria, die in ihm ihren Mentor sah. Nach seinem Tod ging der Besitz an seine Schwester über, die mit Lord Palmerston verheiratet war, der ebenso Premierminister wurde und unter mysteriösen Umständen auf ›Brocket Hall‹ starb. Gleich zwei Premierminister sowohl lebend als auch sterbend unter ihren Dächern gehabt zu haben – damit können sich wohl nur wenige Landsitze rühmen.
Überall im Schloß stößt man auf Spuren seiner zuweilen skurrilen ehemaligen Bewohner. Beim Dinner im Ballsaal, an der Tafel (die 54 Gästen Platz bietet), kommt einem unwillkürlich die wagemutige Lady Caroline in den Sinn: Um den Gatten zu dessen Geburtstag zu überraschen, sprang sie, kaum daß sich die Gäste gesetzt hatten, sozusagen als Appetizer aus einer übergroßen Suppenterrine – natürlich unbekleidet, wie es sich gehört.
Daß solch ein unruhiger Geist nach seinem Tod nicht einfach verschwindet, versteht sich in einem sagen- und mythenumwobenen Schloß wie ›Brocket Hall‹ von selbst. So berichtet eine Hausdame mit gänzlich unbewegter Miene, daß es der Innenarchitekt war, der vor drei Jahren der umtriebigen Lady Caroline zuletzt ansichtig wurde. Des Nachts begegnete er ihr auf der Galerie im zweiten Stock. Die Dame wußte immer noch sehr wohl, wie man sich zu bewegen hat – sie soll ein Ballkleid getragen haben.

Eine neue Ära – und ein »geruhsames« Angebot

Obwohl es 1760 noch keine Hotelkonzepte gab, waren stets viele Gäste zu beherbergen, die, neben der Familie, mit Sack und Pack untergebracht werden mußten. Heute sind die Fazilitäten alle noch vorhanden und werden genutzt. Auch der körperlichen Ertüchtigung wurde seinerzeit auf ›Brocket Hall‹ nachgegangen. Einer der ersten, der sich solcherart betätigte, war der Prinzregent selbst, und so laden noch heute die Gärten zu verschiedenen sportiven Aktivitäten ein.
Nachdem vor einigen Jahren den letzten Lord Brocket seine Leidenschaft für alte Ferraris und junge Frauen erst in den Ruin, dann ins Gefängnis brachte, wird ›Brocket Hall‹ jetzt unter der Ägide des deutschen Hoteliers Dieter R. Klostermann als Golfressort geführt – und das mit Erfolg. ›Brocket Hall‹ ist einer der wenigen Landsitze, die nach ihrer Öffnung für den Kommerz nichts von der Patina und dem weltentrückten Charme eines vergangenen Zeitalters eingebüßt haben.
Dieser Charme hat eine ganz eigene Faszination, besonders in einer schnell­lebigen Welt wie der unseren. Das Rad der Zeit dreht sich immer schneller. Wir sind immer weniger in der Lage, uns zurückzuziehen und zur Ruhe zu kommen. Viele sind pausenlos unterwegs, kennen sich bestens in den Lounges der internationalen Flughäfen aus und sind Stammgäste in den Räumlichkeiten der großen Hotelketten. Diese Hotels sind allesamt in Großstädten zu finden und verfügen über ihre eigene Corporate Identity. Sicher, der Service ist erstklassig, die Ausstattung vom Feinsten. Aber immer häufiger stellt sich für viele Reisende und Geschäftsleute die Frage nach persönlicher Dienstleistung und Atmosphäre, nach einer Behaglichkeit, die es nur in den seltensten Fällen in einem großen Luxushotel geben kann.
So dreht sich die Zeitmaschine zurück – und geht doch voran. Zunehmend wird das Gefühl geschätzt, in einem Club nach Hause zu kommen, egal wo, sozusagen einer »Familie« anzugehören – und sei es die »Großfamilie« der zahlreichen Clubs unter dem ›IAC‹-Dach. Besagte Großfamilie ist weltweit vertreten, und es ist einfach nur angenehm, Gast und Mitglied zu sein in individuellen Häusern, die in Paris und London, in New York und Moskau, in Tokio und Peking sowie in zahlreichen weiteren Städten ihre Türen offen halten. Und wenn es um die Freizeitgestaltung geht, dann trifft man sich eben mit dem Geschäftspartner, den man zufällig an ir­gendeinem Ort dieser Welt kennengelernt hat, beim Golfen auf ›Brocket Hall‹ …
Ist noch die Frage zu beantworten, was Queen Victoria und Nick Faldo gemein haben. Zum einen war bzw. ist ihnen ›Brocket Hall‹ ein liebgewonnener Aufenthaltsort, zum anderen sind sie beide von Adel, die eine durch Geburt, der andere durch Erfolg.

Text: Dieter H. Wirtz

 
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