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Die Passion der Pierrette Trichet

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IEs gibt sie nicht nur hier und da, die Kellermeisterinnen. Am Rhein, an der Mosel, im Badischen – Frauen, die in den Weinbergen, an der Kelter und im Keller ihren Mann stehen und sich dem edlen Rebensaft verschrieben haben, sind mittlerweile nichts Exotisches mehr. Winzerinnen sind Normalität. Aber eine Kellermeisterin in einem der geschichtsträchtigsten und angesehensten Cognac-Häuser dieser Welt überhaupt – das ist denn doch keine kleine Überraschung. Bei ›Rémy Martin‹ gibt es seit dem Jahr 2003 eine solche. Cigar Clan wollte mehr über diese außergewöhnliche Frau erfahren und sprach mit Pierrette Trichet.
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Madame Trichet, wie würden Sie Ihre Rolle bei ›Rémy Martin‹ beschreiben?
Die Rolle des Kellermeisters bei einem großen Cognac-Hersteller wie ›Rémy Martin‹, der auf eine lange Tradition von Perfektion und Qualität zurückblicken kann, besteht meiner Meinung nach darin, all jene Aspekte des Produktionsprozesses einzuhalten, die den Ruf des Unternehmens über Jahrhunderte ausgemacht haben.
Das ist für mich eine doppelte Verantwortung: Zum einen bin ich heute der Garant für den Stil, der unsere Cognacs stets auszeichnete, zum anderen muß ich für die zukünftigen Generationen von Kellermeistern die Grundlagen dafür schaffen, daß dieser Stil auch weiterhin beibehalten werden kann.
Sehen Sie sich eher als die Erbin Ihres Vorgängers oder als Wegbereiterin für einen neuen Stil, für andere Arbeitsmethoden?
Es würde der mir anvertrauten Rolle nicht entsprechen, wenn ich einen neuen Stil schaffen oder den Cognacs des Hauses ›Rémy Martin‹ meinen persönlichen Stempel aufdrücken wollte. Ein diesbezügliches Ego ist hier absolut nicht angebracht. Ich stehe, ähnlich wie bei einem Stafettenlauf, im Erbe meines Vorgängers Georges Clot und all jener, die diesen Posten vor ihm bekleidet haben.
Der Stab wurde an mich weitergegeben, und ich muß alles tun, um ihn nicht fallen zu lassen und ihn eines Tages unter den bestmöglichen Bedingungen weitergeben zu können. Die Geschichte von ›Rémy Martin‹ ist eine Erfolgsgeschichte, ist der Erfolg einer Entscheidung für Qualität. Mein Wunsch – und er deckt sich mit der Erwartung an mich – ist es, diese Geschichte weiterzuführen.
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Wie sieht Ihre Arbeit nun praktisch aus?
Zunächst einmal ist das Verkosten zu nennen. Ich verkoste jeden Tag Eau de vie. Das ist notwendig, um zwei unverzichtbaren Aufgaben nachzukommen … Erstens geht es um die Auswahl der Eau de vie, die unserem Haus von Winzern und Brennern angeboten werden. Das wird als »Anerkennung« bezeichnet. Während einer Destillationsphase werden uns Tausende von Proben zugesandt, und es ist demnach notwendig, daß wir strenge, auf Geschmacks- und Qualitätskriterien beruhende Auswahlprozeduren durchführen. Zweitens verkoste ich regelmäßig jene Eau de vie, die in unseren Kellern reifen, um ihre Entwicklung zu überwachen. Auf diese Weise bin ich jederzeit über den genauen Stand unserer Lagerbestände informiert.
Daneben verkoste ich – noch eine meiner täglichen Aufgaben – verschiedene von mir zusammengestellte Verschnitte. Ich wähle aus der Vielzahl von Eau de vie diejenigen aus, die zur Herstellung der verschiedenen Cognacs von ›Rémy Martin‹ eingesetzt werden können, und ich nehme die genaue Anzahl an Verschnitten vor, die nötig sind, um Jahr für Jahr den genau gleichen Geschmack, den jeden unserer Cognacs auszeichnet, hervorzubringen.
Ein weiterer Aspekt meiner Arbeit, den ich auf keinen Fall aus den Augen verlieren darf, ist das sogenannte »Holzmanagement«, worunter wir die Verwaltung unserer Lagerbestände an Eau de vie sowie der Reifungsfässer verstehen – schließlich verfügt ›Rémy Martin‹ über das weltweit größte Lager an ›Fine Champagne Eau de vie‹, der in etwa zweihunderttausend Eichenfässern reift. Um den Reifungsprozeß zu optimieren, wechseln wir die Fässer im Laufe der Jahre regelmäßig aus. Das verlangt große logistische Anstrengungen.
Bei der letzten Aufgabe, die ich im Rahmen meiner täglichen Arbeit zu bewältigen habe, handelt es sich um die Schaffung neuer Produkte. Ich suche nach neuen Ideen für Verschnitte, die unsere Produktpalette an Cognacs erweitern könnten.
Ist die Position einer Kellermeisterin mit einer Arbeit verbunden, bei der Sie sich zwangsläufig einsam fühlen?
Überhaupt nicht. Ich arbeite sehr eng mit einem Team von etwa zehn Personen zusammen, dem »Verkostungsausschuß«, wie wir ihn bei ›Rémy Martin‹ nennen, der eine genau definierte Aufgabe hat: Er ist dazu da, den Kellermeister bei der »Anerkennung« zu unterstützen und die verschiedenen Verschnitte auszuarbeiten und zu überwachen. Meine Aufgabe steht im Zentrum einer umfangreichen Interaktion zwischen verschiedenen Leuten. Damit meine ich nicht nur die Mitglieder des Teams, sondern auch unsere Partner: die Winzer, die Arbeitsgruppen in den Kellern sowie zahlreiche andere Beteiligte.
Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eigenschaften eines Kellermeisters?
Zu einem großen Teil brauche ich bei meiner Arbeit eine gute Nase: von der Auswahl der Eau de vie über die Überwachung der Reifung und des Verschnitts bis hin zur Verkostung kommt es vor allem auf meinen Geruchssinn an. Ich habe das Glück, sowohl in meinem Alltagsleben als auch bei meiner Arbeit Gerüche aller Art wahrzunehmen. Deshalb kann ich die Aromen, nach denen ich suche, relativ einfach herausfinden. Außerdem würde ich mich als ziemlich neugierig und erfindungsreich bezeichnen. Das ist sehr nützlich bei meiner Arbeit: Ein Kellermeister ist nicht nur eine Art »Tempelwächter«, wie sich ihn viele vorstellen. Seine Rolle ist vor allem die eines Visionärs. Er – oder sie – muß die Zukunft des Unternehmens auf mittlere und lange Sicht vorbereiten.
Wie würden Sie als Kellermeisterin bei ›Rémy Martin‹ die von Ihnen hergestellten Cognacs beschreiben?
Für eine kurz gehaltene Beschreibung unserer Cognacs kommen mir mehrere Dinge in den Sinn. Ich behalte bei meiner täglichen Arbeit und besonders beim Verschnitt stets zwei grundlegende Ziele im Auge: Ausgewogenheit und Harmonie. Wenn die Verko­-s­tungsphase beginnt, fließen neue Elemente in die Gleichung ein: Aromenvielfalt und Aroma­stärke, die schon seit je mit den Cognacs von ›Rémy Martin‹ in Verbindung gebracht werden. Und zuletzt, wenn ich einen Cognac in meinem Mund verkoste und seine unvergleichliche Milde schmecke, denke ich an die Geschmackserfahrung der Menschen, die ihn später genießen werden.
Kommt der Umstand, daß ein großer Cognac-Hersteller eine Frau als Kellermeister beschäftigt, einer kleinen Revolution gleich?
Es trifft zu, daß ich die erste Frau bin, der je von einem großen Cognac-Hersteller eine solche Verantwortung übertragen worden ist. Worauf ich übrigens sehr stolz bin. Aber das wichtigste für mich ist das Vertrauen, das man in mich setzt, und zwar nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil man meine Arbeit schätzt, die ich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren für das Unternehmen leiste.
Welche Worte fallen Ihnen ein, um sich selbst kurz zu beschreiben?
Ich bin ein eigenwilliger, aufmerksamer, zudem unkomplizierter und sorgfältiger Mensch, befinde mich gerne im Zentrum der Aktion und liebe es, meine Fähigkeiten für ein Ziel einzusetzen. Grundsätzlich ist mir das »Sein« wesentlich näher als der »Schein«.
Wie stehen Sie als Verbraucherin dem Cognac gegenüber?
Cognac ist das Zentrum meines beruflichen und privaten Lebens. Ich bin mitten in den Weinbergen des Armagnacs aufgewachsen, habe schon unglaubliche Mengen an Weinen und Spirituosen verkostet, aber für mich ist Cognac das Synonym für Genuß schlechthin, und wenn ich mir zu Hause oder beim Ausgehen etwas Gutes gönnen möchte, trinke ich einen alten Cognac. Ich bin aber auch offen für neues. So habe ich beispielsweise Cognac schon in Cocktails versucht.
Gehören Sie nicht zu den Menschen, für die das Vermischen von Cognac ein Sakrileg ist?
Ein Sakrileg? Jeder soll Cognac so trinken, wie es ihm gefällt. Wenn ich Cognac verschneide, hoffe ich, daß der Verbraucher beim Trinken dieses Cognacs Genuß verspürt. Es ist ganz gleich, ob er pur oder mit Eis, in einem Cocktail oder mit der Vorspeise oder dem Dessert getrunken wird. Die von mir geschaffenen Cognacs haben alle eine ganz eigene Note und passen zu den unterschiedlichsten Genießertypen. Mir wurde vor kurzem unser ›Fine Champagne V.S.O.P‹ mit Toast und Roquefort »frappé« serviert, also auf minus achtzehn Grad Celsius gekühlt. Das war eine überraschende und spannende Erfahrung, welche die herausragende Stellung beweist, die das Streben nach Innovation in der Welt des Cognacs einnimmt …

 
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