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Neuntausend Kilometer südlich von Bordeaux

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Im Jahre 2002 gründete ich mit Partnern einen Weinimport und -großhandel. Eine der wichtigsten Aufgaben, um ein solches Unternehmen zum Erfolg zu führen, ist es natürlich, gute, unverwechselbare Weine einzukaufen. Im umkämpften deutschen Markt gibt es allerdings die Schwierigkeit, daß alle einigermaßen bekannten Weine durch Exklusivverträge an Importeure gebunden sind. Was macht man, wenn die namhaften Weingüter alle schon vergeben sind? Man fragt die Kellermeister dieser Weingüter nach den besten Newcomern und verläßt sich ansonsten auf die eigenen Sinne. In Südafrika beispielsweise wurde ein Name immer wieder genannt: Emil den Dulk und sein Weingut ›De Toren‹ in Stellenbosch.
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Das erste Mal traf ich Emil den Dulk Anfang 2003. In Deutschland regnete es, und ich verließ das Land bei 3 Grad Celsius. Wir hatten für unsere besten Kunden eine Seminarreise organisiert und freuten uns gemeinsam, der grauen Kälte des Winters für kurze Zeit entfliehen zu können.
Als wir an einem Samstagmorgen in Stellenbosch von der Polkadraai Road auf den unbefestigten Weg zum Weingut einbiegen, empfängt uns ein kleines Paradies mit akkurat gepflegten Weinstöcken und atemberaubenden Ausblicken auf die Helderberg Mountains. In der Ferne glitzert das azurblaue Wasser der False Bay. Man kann die salzige Luft des Ozeans fast auf der Haut spüren.
Emil erwartet uns in seinem Büro. Er erinnert mich sofort an einen Inspektor aus alten französischen Kriminalfilmen. Ein Glückspilz, wer an einem solchen Ort arbeiten und wohnen darf. Emil erzählt, wie froh er ist, über dieses schöne Stückchen Erde gestolpert zu sein und nach fünfundzwanzig erfolgreichen, aber nervenaufreibenden Jahren in der Verpackungsmittelindustrie ein neues Leben gefunden zu haben. 1991 kaufte er die ersten 7 Hektar, vervollständigte seinen Besitz zwei Jahre später mit weiteren 17 Hektar bester Anbaufläche und zog mit seiner Frau Sonette und den drei Kindern aus der Hektik Johannesburgs an die malerischen Hänge der Polkadraai Hills.

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Reinheitsgebot auf südafrikanisch
In Zusammenarbeit mit der Universität Stellenbosch werten sein Weinmacher Albie Koch und er die Ergebnisse der intensiven Bodenuntersuchungen aus und entscheiden, welche Rebsorte an welchen Ort gepflanzt wird. Emils Traum ist die Produktion eines Weins aus den fünf Bordelaiser Rebsorten ›Cabernet Sauvignon‹ und ›Merlot‹ sowie ›Cabernet Franc‹, ›Malbec‹ und ›Petit Verdot‹, der es mit seinen berühmten Verwandten aus Paulliac und Margaux aufnehmen kann. Dafür werden bei ›De Toren‹ keine Mühen, auch keine Kosten gespart. Die Rebanlagen sind die bestgepflegten in Stellenbosch, wenn nicht gar im ganzen Land. Auf die Pflege wird deshalb ein so enormer Wert gelegt, weil perfekte Trauben die Grundvoraussetzung für einen großen Wein sind.
Die Reife der Trauben wird täglich von Emil und Albie persönlich geprüft, auch unter Verwendung von Infrarotaufnahmen aus der Luft. Nur so läßt sich feststellen, welche Teile der Anbaufläche auf den Punkt gereift sind. In mehreren Etappen werden nur die reifen Trauben von Hand gelesen und in kleinsten Behältern unbeschadet in den an die Rebflächen anschließenden Keller transportiert. Hier werden die Beeren von den Stielen getrennt, um danach auf einem vibrierenden Förderband in offene Behälter zu gelangen. An diesem Förderband stehen sieben Arbeiterinnen und sortieren beschädigte Beeren, Blätter und Fremdkörper aus. Der letzte in der Reihe ist der Chef selbst, der sich als perfekte »Endkontrolle« sieht und den Sortiererinnen zuruft: »Alles, was ihr nicht auch essen würdet, kommt mir nicht in meinen Wein.« Reinheitsgebot auf südafrikanisch.
Die Weinbeeren in den kleinen Maischetanks glänzen blauschwarz und sehen aus wie Kaviar für Riesen. Es duftet schon jetzt betörend nach Cassis und Blaubeeren.
Im Keller wird ohne Pumpen gearbeitet. Nur mit Hilfe der Erdanziehung wird der Wein aus den Maischetanks in die Fässer und später selbst in die Flaschen gefüllt. Hierzu ist eigens ein Turm gebaut worden, der dem Weingut auch den Namen gibt (»De Toren« heißt in Afrikaans »Der Turm«). Mittels eines Fahrstuhls werden Tank oder Fässer emporgehoben. Qualität durch die sanfte Kraft der Gravitation. Trinken wir auf Aristoteles, Galilei und Newton …
Später dürfen wir endlich die Weine verkosten. ›Fusion V‹
wird uns ins Glas gegeben, und alle sehen sich bedeutungsvoll an. Der Wein hält, was seine Machart verspricht. Fülle und Kraft, dazu Aromen von schwarzen Beeren, von Cassis, Weichselkirschen und Gewürz. Ferner ein Anflug von Veilchen, Rauch und Zedernholz. Im langen Finish liegt ein Hauch von Zimt. Weiche Tannine und Eleganz. »Eleganz« ist auch das Wort, das mir bei diesem Wein später immer als erstes einfallen wird. Ich bin begeistert: Was für ein Wein! In Blindproben sollte es schwer werden, diesen edlen Rebensaft als einen Wein aus der »Neuen Welt« zu erkennen.
Diesen Wein kann man nicht erschöpfend beschreiben; man muß ihn zeigen. Ich schlage Emil vor, den Wein in einer Vergleichs­probe den besten Sommeliers Berlins zu präsentieren. Er willigt ein; irgendwie fühlen wir uns beide wie Verschwörer.

Eine denkwürdige Verkostung
Achtzehn Monate später stehe ich mit Emil und seinem Sohn Dale im Foyer des ›Westin Grand‹ in Berlin und erwarte unsere Gäste. Wir haben zu einer verdeckten Verkostung einiger der größten Weine der Welt gebeten, und erwartungsgemäß kommen sie alle – zwanzig Sommeliers aus den besten Restaurants der Stadt. Wir wollen zeigen, daß ›De Toren Fusion V‹ in der Riege der besten Rotweine der Welt bestehen kann, und erhoffen uns einen guten Platz im mittleren Drittel. Es werden unter anderem ›Château Mouton Rothschild‹ und ›Château Lafite Rothschild‹, ›Château Margaux‹ und ›Château Latour‹, ›Sassicaia‹ und ›Opus One‹ verkostet.
Mittels eines allgemein gültigen Bewertungsschemas wird ge­urteilt und die Auswertung sofort veröffentlicht. Das Ergebnis ist phänomenal und bei weitem besser als erhofft. Fast einstimmig wird der ›Fusion V‹ auf den ersten Platz gewählt. Emil ist mehr als glücklich und behält bis zu seiner Abreise dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht, das ich schon in Südafrika des öfteren bemerkt habe.
Monate später sitzen wir wieder in Stellenbosch zusammen, erfreuen uns der Aussicht von der Terrasse des Dulkschen Hauses und verkosten den aktuellen Jahrgang des ›Fusion V‹ (der leider schon wieder ausverkauft ist). Eine milde Ironie liegt in den Worten, als sich Emil zurücklehnt und sagt: »Oh, boy, this is another hard day in Africa.«
Von Zeit zu Zeit macht es mir einen höllischen Spaß, meinen Kollegen und Freunden einen vinophilen Streich zu spielen. Dann kaufe ich eine Flasche besten Bordeaux, hole einen ›Fusion V‹ aus meinem Weinkeller und organi­siere eine private Blindverkostung. Was für ein Genuß, wenn ich bei der Auflösung des Rätsels die verblüfften Gesichter sehe …

 
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