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Edelobstbrände

»Sauternes und Gänseleber«, »Chablis und Meeresfrüchte«, »Portwein und Schokolade«, »Bordeaux und Chateaubriand« sowie »Rum und Cigarre« – das dürften im großen und ganzen die Klassiker der Kulinarik sein.
Wenn es um die Kombination von Alkohol und Cigarren geht und sich dabei bestimmte Duos in den Vordergrund spielen, ist die Versuchung groß, spezielle Themen immer und immer wieder aufzugreifen. Deshalb hat Cigar Clan damit begonnen, den gelungensten Symbiosen die notwendige Referenz zu erweisen. Stichwort »Trilogie«: Was großen Whiskys und feinen Obstbränden recht ist, darf deshalb dem Rum nur billig sein. Nachdem im vergangenen Jahr (siehe auch Cigar Clan, Ausgabe 3/2007, Seiten 92 bis 96) die erste Rum-Cigarren-Degustation dokumentiert wurde, folgt nun der zweite Teil.
Wurde in der seinerzeitigen Degustation mit einem weißen (!) ›Overproof‹, einem ›Rhon Agricole‹ aus Guadeloupe und einem besonders lange gereiften Vorzeigedestillat aus Jamaika ein Querschnitt durch die Welt des Rums präsentiert, fiel heuer, unabhängig von Herkunft und Herstellung, Lagerungen und Produzenten, die Wahl auf ganz besonders würzige und süße Rums, die den Organisatoren der Degustation auf den ersten Blick sehr passend zu der einen oder anderen Cigarre erschienen.
Rum, Lebenselixier der Karibik, Grundingredienz der großen Cocktails – das Getränk der Piraten und Hasardeure vergangener Jahrhunderte erlebt in diesen Jahren eine große Renaissance. Der Kenner genießt ihn pur, sowohl am klassischen Bartresen als auch vor dem heimischen Kamin – und er genießt ihn mit Bedacht und Muße. Dabei tut sich ihm bei der Wahl »seines« Rums eine schier endlose Bandbreite auf: Ob der kleine, unbekannte Produzent, ob der Weltmarktführer – ein jeder kann ein Produkt anbieten, das unverwechselbarer kaum sein könnte.
Die Herkunftsnationen, aus denen das flüssige Gold zu uns gelangt, gehen in die Dutzende, angefangen bei Antigua, endend bei den Virgin Islands, doch es sind beileibe nicht nur die karibischen Inseln, die als Produzenten Gewicht haben, sondern auch mittel- und südamerikanische Länder wie Peru, Mexiko und Brasilien. Sie alle versorgen die Welt, hauptsächlich die nordischen Regionen, mit dem begehrten Spender von tropischer Süße, Kraft und Energie und von – Verrücktheit. Allerdings soll hier nicht unterschlagen werden, daß alle Länder, die Rum erzeugen, auch einen hohen Eigenverbrauch verzeichnen. Das liegt vor allem daran, daß sich die verschiedenen Qualitäten mit zahlreichen weiteren Produkten, die aus diesen Gegenden stammen, sehr gut vertragen – mit Fruchtsäften, mit Gewürzen und, nicht zuletzt, mit Cigarren …
Wie gut sich die karibischen Genußprodukte – hier der Rum, dort die Cigarre – miteinander vertragen, das sollte das Cigar Clan-Degustationsteam im altehrwürdigen Augsburg bei Gastgeber Ulrich Mayer herausfinden. In einer unwiderstehlichen Mischung aus unaufgeregter Nonchalance und harter Arbeit nahm sich die Verkostungsgruppe – nach Feierabend – in bester Hinterzimmermanier fünf verschiedene Rums und drei Cigarren zur Brust …


1997er Plantation Rum,
Panama (45 % Vol.)

Jahrgangsabfüllungen sind eher die Ausnahme als die Regel bei Rum. Dieser wunderbare Plantagenrum, ein Blend aus zwei Destillaten, ist neun Jahre in Eichenfässern gereift und präsentiert sich in eindrucksvollem, hellem Goldgelb. In der Nase treffen Süßweinnoten und an Arrak erinnernde Gewürztöne aufeinander. Frischer Eukalyptus-Touch.
Am Gaumen wirkt der Panamaer zunächst fruchtig-schlank, leicht karamelig und etwas reserviert, wobei der Nachhall eindrucksvoll und langlebig präsent bleibt.
Nach einer Weile im Glas holt der Rum noch einmal auf, packt Vanille, Holz und eine frische Säure aus. Deutliche Steigerung, dabei immer noch dankbar auf der fruchtig-frischen Seite.

Bacardi Reserva Superior
8 AÑos,
Bahamas (40 % Vol.)


Die Firma ›Bacardi‹, das größte Familienunternehmen der Spirituosenbranche, läßt den ›Bacardi 8 Años‹ acht Jahre in ausgewählten nordamerikanischen Bourbon-Fässern lagern, wodurch er zu einem Rum der Spitzenklasse reift.
Kupferfarbenes helles Bernstein mit rotgoldenen Reflexen im Glas, dazu eine früh betörende Nase nach getrockneten Früchten, Bourbon-Vanille und Zitrusschalen.
Im Geschmack rumarchetypisch mit Karamel-Grundton, ferner Aprikose, Orange und wieder … viel Vanille. Schließlich, im Finish, mehr und mehr Gewürze (Muskat) und tropische Früchte. Der Rum füllt den ganzen Mundraum aus, vergeht extrem langsam, hallt lange nach und hinterläßt eine saftige Süße mit frischer Frucht.

Zacapa Centenario
Etiqueta Negra 23 AÑos,
Guatemala (43 % Vol.))


Kaum ein Cigarrenraucher kam die letzten Jahre an diesem Traum von einem Rum vorbei. »Quod non erat demonstrandum« – das war nicht zu beweisen … ›Zacapa‹ produziert und lagert in enormer Höhe – und mit Ausdauer. Der ›Etiqueta Negra‹ ist die Nachfolgequalität des regulären Dreiundzwanzigjährigen (mit begrenzter Verfügbarkeit für Italien und Deutschland).
Er liegt schwer und tiefbraun im Glas. Ein Anflug von Rotgold beim Schwenken. Kaum helle Reflexe, aber lange, edle Fenster.
Der ›Zacapa‹ gibt sich festlich: Der fast weihnachtliche Duft (Vanillekipferln) erzeugt eine nahezu kindliche Vorfreude. Am Gaumen holt eine frische Fruchtigkeit die Schwere ein und belebt das Geschehen. Dazu Gewürze und Holz, Karamel und Honig. Eindrucksvoll und präsent. Der Nachhall ist begrenzt meditativ, aber ewig.

Pyrat Pistol,
Anguilla (40 % Vol.)

b
Der ›Pyrat Pistol‹ entspricht in Reifung und Faßlagerung fast dem ›Pyrat XO Gold‹: Tiefes Rotgold und orangene Reflexe fallen auf. Dazu lange Fenster und Licht, Licht, Licht …
Olfaktorisch bekommt dieser alte Rum einen beachtlichen »Stretch« zwischen junger englischer Orangenmarmelade und altem Rumtopf hin.
Am Gaumen erinnert der ›Pyrat Pistol‹ deutlich an alte spanische Brandys: Rosinen treffen auf Hefe, dazu Wein und reifes Holz. Der Abgang ist extrem lang und archaisch.

El Dorado 15 Years,
Guyana (43 % Vol.)

b
Die Rums von ›El Dorado‹ werden von dem Unternehmen ›Demerara Destilleries‹ erzeugt und vertrieben, das eine beacht­liche Menge an Reservebränden auf Lager hat und die internationalen Märkte seit einigen Jahren mit seinen Produkten zu beeindrucken weiß.
Optisch fallen zuerst die lebendigen orangenen Reflexe im doch recht tiefen, mahagonibraunen Gesamtbild auf. Sehr eindrucksvoll. Dann die Nase: Calvados und Tabak, Rancio und lebendiger Zitrusduft. Dazu Holz, Rosinen und natürlich Karamel.
Geschmacklich hat dieser Rum einnehmend viel auf der Palette, sogar weitere Dimensionen, nämlich ernsthafte Leder- und Sherryaromen. Der ›El Dorado‹ braucht unbedingt einen beflügelnden Geist auf seiner Reise, so etwa Schokolade oder Kaffee (bitte heiß) – oder eine gute Cigarre.





Flor De Selva
El Galan


Format: Perfecto
Länge: 145 mm
Ringmaß: 52 (20,6 mm)
Deckblatt: Honduras
Umblatt: Honduras
Einlage: Honduras
Stärke: 2,5
Rauchdauer: ca. ¾ Std.
Einzelpreise:
D: € 7,70
CH: sfr 18,50

Diese Cigarre ist eher ungewöhnlich für die Marke der großen Dame aus Honduras. Eigentlich bekannt für klassische Vitolas, die regelmäßig verfügbar sind, überrascht Maya Selva mit der ›El Galan‹ im schlank-konischen ›Perfecto‹-Format mit begrenzter Auflage. Produziert wird diese schöne Cigarre, deren zweiter Ring die limitierte Auflage plakativ verkündet, nur alle zwei Jahre.
Leicht und schmeichelnd liegt sie in der Hand, die ›El Galan‹. Die Wicklung ist sehr gelungen, Brandende und Kopf sind perfekt verarbeitet, während das Deckblatt – eher seidig als saftig – im cremig-hellen Colorado gewohnt gut ist. Insgesamt ist die Cigarre im Duft zurückhaltend. Lediglich der Zedernton, leicht floral und ein wenig ätherisch, ist gut auszumachen.
Die ersten Züge bestätigen ebendiese Zurückhaltung am Gaumen. Das Zugverhalten ist schon lange vor dem Erreichen des gesamten Ringmaßes hervorragend, ebenso die Rauchentwicklung. Der Geschmack ist durch das gesamte erste Drittel recht erfrischend. Danach steigert sich die Cigarre langsam, aber bestimmt, und kann schon ab der Hälfte des Rauchverlaufs einen süßlichen Partner vertragen.
Fast mit Seltenheitswert für eine ›Flor de Selva‹ kommt im letzten Drittel der ›El Galan‹ Schärfe auf, anfangs nicht unangenehm, aber kurz vor dem Cigarrenring am Brand­ende kann man sie getrost ablegen. Eine bemerkenswerte ›Perfecto‹.

1
1997er Plantation
Erst mal brandig. Dieser tolle Rum leidet daran, ebenso frisch wie die Cigarre zu sein. Vielleicht ein süßer Kaffee dazu?


b
Bacardi 8 AÑos
Spaß im Glas. Blind schwer zu erklären … aber da liegt Laune. Was ernsthaft anmutet, ergibt sich in flüchtiger Liebe.
Go for it!


b
Zacapa 23 Years
Ergänzung … Frische und Süße bereichern sich zu einer Harmonie, der man nicht ständig beharrlich lauschen muß, sondern in der man die beiden »laufenlassen« kann
b Pyrat Pistol
Contenance … Fast zu allen Cigarren paßt dieser Rum, doch in diesem Fall bestätigt die Ausnahme die Regel.
b El Dorado 15 Years
Gewinnt. Gewürzaromen und getrocknete Früchte balgen um die Vorherrschaft. Dazu Honig, Kaffee und ein »Schrei« nach hellem Tabak. Tolle Kombination.




John Aylesbury
Edition Limitada 2008


Format: Toro
Länge: 150 mm
Ringmaß: 50 (19,8 mm)
Deckblatt: Honduras
Umblatt: Honduras
Einlage: Honduras
Stärke: 3
Rauchdauer: ca. 1 Std.
Einzelpreise:
D: € 6,80
CH: Auf Anfrage

Der zweite honduranische Puro, gezogen aus Havana Seed, präsentiert sich, naturgemäß, bei dieser Degustation deutlich männlich-abstrakter als die ›Flor de Selva‹.
Schon optisch erheblich dunkler, verströmt die Cigarre mit ihrem Colorado-Maduro-Deckblatt einen merklich archaischen Duft und ruft eine fast antike Faszination hervor. Das Deckblatt erinnert an feingegerbtes Leder. Verarbeitung und kalter Zug sind einwandfrei. Vor dem Anzünden fällt ein schönes Größe-Gewicht-Verhältnis auf. Kalt riecht die Cigarre leicht salzig, fast mediterran.
Nach dem Anzünden überraschen feinwürzige Momente – jede frühe Wucht bleibt aus. Ebenso zart wird der Raum mit Aromen geschwängert. Zug und Abbrand sind hervorragend. Während die Cigarre langsam Stimmung aufnimmt, wird der Rauch warm und angenehm rund. Ansprechend auch der dunkelgraue, sehr stabile Aschekegel, der spät fällt.
Ab der Hälfte ist diese ›John Aylesbury‹ in ihrem Element. Dunkle Süße, saftige Tabak­noten und eine weiterhin bemerkenswerte Kombinationsfreudigkeit machen die Cigarre zu einem Winner. Auch leichte Probleme im Abbrand schmälern das Vergnügen nicht – erhöhte Wahrnehmung steigert das Gesamterlebnis. Schließlich stellt sich kurz vor dem Ablegen eine bündige nussig-scharfe Renaissance ein.

1
1997er Plantation
One Night in Bangkok. Ein Schachbrett von Aromen. Mal ist der Rum zu lebendig, dann fordert die Cigarre mehr Aufmerksamkeit. Anstrengend, aber kurzweilig.


b
Bacardi 8 AÑos
Young Guns. Sie möchten Rum trinken und Cigarre rauchen? Dann tun Sie das – jetzt und hier und ohne Kompromisse. Für Einsteiger und Freaks, die seit Jahren
keinen ›Bacardi‹ mehr genossen haben …


b
Zacapa 23 Years
Überraschung. Hier muß »Everybody’s Darling« einmal Punkverluste einstecken. Immer noch schön, aber zu lange zu tiefgehend und süß.
b Pyrat Pistol
Steigerung in sich. Hier zeigt sich, daß auch auf der kräftigen Seite noch Dimensionen nach oben offen sind. Kurz und bündig: Wow!
b El Dorado 15 Years
Überdeckt ein wenig. Auch hier eigentlich ein Treffer, aber in so harter Konkurrenz kein reiner »Home Run«. Der Brand raubt der Cigarre ein wenig die Eleganz.





Vegas Robaina
Unicos


Format: Robusto
Länge: 156 mm
Ringmaß: 52 (20,6 mm)
Deckblatt: Kuba
Umblatt: Kuba
Einlage: Kuba
Stärke: 4
Rauchdauer: ca. 1 ¼ Std.
Einzelpreise:
D: € 11,–
CH: sfr 16,20

Don Alejandro hätte diese Degustation bestimmt gerne begleitet. Der große alte Mann (siehe auch Cigar Clan, Ausgabe No 5/2007, Seiten 50 bis 53) hätte wohl ältere ›Unicos‹ mitgebracht und über unsere theoretischen sensorischen Ausschweifungen den Kopf geschüttelt.
Die Cigarre präsentierte sich in einem satten Colorado, war gut verarbeitet und überzeugte mit einem leicht samtig-öligen Deckblatt. Home made. Im Duft noch recht stallig, macht die Kubanerin mit ihrer erkennbaren Süße einen sehr guten Eindruck.
Brennend hält das imposante Format, was es kalt verspricht: Kraft, Holz, Tannine. Die Temperatur bezwingt den anfangs etwas grünen Eindruck schnell, so daß sich die ›Unicos‹ ebenso rasch stabilisiert. Davon profitiert der Nachhall: Die Cigarre überzeugt mehr und mehr. Angenehm auch die stabile Asche sowie das gute Zugverhalten. All das trägt zum guten Gesamtergebnis bei.
Noch im ersten Drittel stellt sich beim erfahrenen Raucher Zufriedenheit ein. Kein Bangen um sensorische Weihen. Es läuft … Dann folgt eine weitere Steigerung über die Hälfte hinaus. Tiefe ist gefragt – und Hingabe. Das letzte Drittel ist archetypisch. Rauchbar je nach Demut.

1
1997er Plantation
Springinsfeld. Zugegeben: Man stellt sich erst einmal einen anderen Partner vor, aber der ›1997er‹ frischt die Cigarre auf, ohne nervös zu wirken.


b
Bacardi 8 AÑos
Ein Paar. Respektable Verschmelzung von Kraft und Tiefe. Im Finale wird’s metallisch. Leider. Ansonsten ein Traum von einer Wiedervereinigung.


b
Zacapa 23 Years
Tiptop. Besser als die »sichere Nummer«. Viele zusätzliche Aromen verbinden sich zu nachhaltiger Süße. Immer wieder …
b Pyrat Pistol
Umstritten. Neue Aromen entstehen, etwa Orange. Parfümiert? Oder eine geniale Kraft-Frucht-Kompensation? Für Experimentierfreudige.
b El Dorado 15 Years
Rutscht ab. Auch diese Kombination ist gut, dreht sich jedoch etwas zu sehr ins Fulminante. Nicht perfekt in der Harmonie, da die Opulenz zu dicht ist.

 

 
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