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Die zwölfjährigen Whiskys

Bei unseren Streifzügen durch die Welt der exklusiven Genüsse stolpern wir automatisch immer und immer wieder über das Thema »Whisky & Cigars«. Dieses Zusammenspiel schreit so unüberhörbar nach sensorischer Erfüllung, daß wir ihm zur vollen Entfaltung gleich eine ganze »Quadrologie« widmen wollen. Dabei werden wir in vier aufeinanderfolgenden Degustationen die Whisky-Reifestufen zwölf, fünfzehn, achtzehn und einundzwanzig Jahre sorgfältig auf die genußvolle Probe stellen, um hoffentlich mindestens eine finale Erkenntnis zu gewinnen: Wie es um das Verhältnis des Alters eines Whiskys zu seiner Qualität einerseits und zu seiner Geeignetheit zur Cigarre andererseits bestellt ist.

Notabene – »Some age, others mature« sagte schon Sean Connery nicht ohne sein unübertroffen charmantes wie mehrdeutiges schottisches Augenzwinkern und ließ dabei keine Zweifel offen, wen er damit meinte: sich und seinen erklärten Lieblingswhisky ›Dewar’s‹. Gut gebrüllt, alter, Verzeihung, reifer Löwe. In der Tat nämlich scheint es einen Unterschied zu geben zwischen Whisky, der einfach nur »alt«, und Whisky, der »reif« ist – hier als Synonym für dessen Vollendung, dessen Vollkommenheit zu verstehen. Ergo wäre es fahrlässig, sich nur an der vom Etikett prangenden Altersangabe eines – werden wir spezifischer – Scotch Whiskys zu orientieren.
Absolut jedes Alter hat seinen Grund, seine historische Berechtigung und seine reifebedingten Charaktermerkmale. Aber genau das ignorieren die allermeisten Käufer einer nur vermutlich guten Flasche. Bedauerlicherweise. Und sie machen deshalb automatisch einen Bogen um so viele frische, blumige, herrlich seidige Whiskys, die selten älter als zwölf Jahre alt sind und die eben auch nur in dieser verhältnismäßig kurzen Reifezeit ihre jugendlichen Tugenden – die Frische, die Blumigkeit, die Seidigkeit – optimal zur Geltung bringen, ohne daß sie von der Macht des Holzes gezähmt, überwältigt werden. Haben sie nicht eine ebenso große Daseinsberechtigung wie ihre reiferen, vollmundigen, körperreichen Verwandten?
Soviel vorweg: Wir werden diese Frage im Laufe dieser und unserer nächsten Degustationen mit einem »Ja« beantworten können. Begonnen haben wir am Abend des 8. Februar in der Düsseldorfer ›Cigarworld Lounge‹, chronologisch korrekt mit vier zwölfjährigen Scotch Whiskys, wobei nicht ansatzweise ein zuvor befürchteter Unmut der Gäste über die vermeintliche Trivialität (wegen des Alters, Sie wissen schon) des Set-ups aufkam. Im Gegenteil  – gerade die Aussicht auf eine sehr bewußte sensorische Bewertung von Klassikern wie ›Chivas Regal‹ und ›The Glenlivet‹ im Vergleich zu hierzulande (noch) eher exotischen Marken wie ›Dewar’s‹ und ›Aberfeldy‹ sorgte für freudige Erwartung und erstaunliche Einschätzungen …



The Glenlivet 12 Years
Single Malt Scotch Whisky
(43 % Vol.)


Als in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts das Brennverbot in Schottland aufgehoben wurde, bekam die Destillerie ›Glenlivet‹ als erste das Brennrecht zurück. Als Folge tauchten bei allen möglichen Brennereien mit einemmal Whiskys auf, die plötzlich mit dem Etikett ›Glenlivet‹ versehen waren. Schließlich, nach langen Rechtsstreitigkeiten, wurde den Besitzern James und George Smith zugestanden, als einzige ihren Whisky ›The Glenlivet‹ nennen zu dürfen.
Der ›Glenlivet 12 Years‹ ist mit seiner blaßgoldenen Farbe und den hellen Reflexen sehr lebendig im Glas. Die Nase präsentiert sich floral, hellfruchtig, mit Anklängen an Zitrus, Heide und Holz. Der Körper ist eher leicht bis mittelschwer. ›The Glenlivet 12 Years‹ schmeckt blumig und bietet Anklänge von Pfirsicharomen sowie leichte Vanillenoten. Schön ausgewogen. Langer und präsenter Nachhall.


Aberfeldy 12 Years
Single Highland Malt Whisky
(40 % Vol.)


Die ›Aberfeldys‹ sind die Single Malts aus dem ›House of Dewar‹. Ursprünglich 1898 eröffnet, wurde die Destillerie schon 1925 an die ›Destillers Company Ltd.‹ verkauft, um dann 1930 von ›Scottish Malt Destillers‹ übernommen zu werden. Schließlich, 1998, ging ›Dewar’s‹ – und somit auch ›Aberfeldy‹ – für den bis dato höchsten Verkaufspreis, der je für eine Brennerei gezahlt wurde, an ›Bacardi‹, einem der weltweit führenden Spirituosenkonzerne.
Der goldgelbe Whisky ist farblich satt. In der Nase leicht rauchig, sind Heidehonig mit einer dezenten Süße, dazu Noten von Ananas und Getreide auszumachen, ferner Röstaromen. Am Gaumen wirkt er lieblich, sirupartig, wobei die Zunge umschmeichelt wird, fast wie bei einem zartblumigen Liqueur. Insgesamt voll und reich. Bald bekommen die lieblichen Noten mehr Halt. Gewürze klingen mit der zurückhaltenden Bitterkeit von Sevilla-Orangen an und enden in einem angenehmen sanft-trockenen Nachhall.

Chivas Regal 12 Years
Blended Scotch Whisky
(43 % Vol.)


Die Historie von ›Chivas Regal‹ geht bis in die ersten Tage des 19. Jahrhunderts zurück. Seit 1801 gibt es in Aberdeen ein Feinkostgeschäft, einst von den Brüdern James und John Chivas betrieben – und bis heute das »Harrods der Highlands« genannt. Auch der Whisky der Brüder Chivas hat seinen Weg gemacht – in den Vereinigten Staaten während und nach der Prohibition, in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Bekanntheit ist das eine, Qualität das andere: 1988 berief man bei ›Chivas Regal‹ den bekannten Masterblender Colin Scott, der seitdem für die Produktion verantwortlich zeichnet.
Der zwölfjährige ›Chivas Regal‹ liegt bernsteinfarben im Glas und riecht dezent nach heimischen Apfelfrüchten sowie nach Honig, beides unterstützt von einer leichten Rauchnote. Am Gaumen schmeichelnd, weiterhin fruchtig und süßlich. Der Körper ist voll, aber weich, der Nachhall samtig und lang.

Dewar’s 12 Years
Single Highland Malt Whisky
(40 % Vol.)

b
›Dewar’s‹ Prunk- und Herzstück ist eine kleine Destillerie, eröffnet im Jahre 1898. Die einzige Brennerei, die von der Dewar-Familie gebaut wurde, liegt keine zwei Meilen vom Geburtsort des Firmengründers John Dewar entfernt, malerisch gelegen mitten in den Highlands, in der Grafschaft Perthshire.
Nur das frische Wasser der Quelle ›Pitilie Burn‹ wird für die Whiskys verwendet. Durch das »Marrying« – die Vermählung von allen seinen edlen Bestandteilen und die anschließende Reife im Eichenholzfaß – gelingt ein prachtvoller Whisky von unnachahmlicher Weichheit und Harmonie, wobei die Farbe an dunklen Bernstein erinnert. In der Nase voll, rund und angenehm süß. Sultaninen, Wein und zarte Torfnoten mischen sich mit Aromen von Malz und Heidekraut. Der Geschmack ist satt von voller Frucht, Heide und Berghonig. Daneben ganz leicht verkohltes Eichenholz, Karamel und warme Gewürznoten. Insgesamt sehr mild und weich ausbalanciert. Der Körper präsentiert sich auffällig voll und rund. Langes Finish und sehr nachhaltig. Eine ölige Wärme von Eiche und Honig.




Bolívar
Belicosos Finos



Format: Campanas (Torpedo) )
Länge: 140 mm
Ringmaß: 50 (20,6 mm)
Deckblatt: Kuba
Umblatt: Kuba
Einlage: Kuba
Stärke:4
Rauchdauer: ca. ¾ Std.
Einzelpreise:
D: € 9,50
CH: sfr 13,40

Wo, wenn nicht bei einem ›Habanos Specialist‹, bekäme man so eine Cigarre? Mattes, schönes Deckblatt mit fein gemaserter Textur, dazu eine einwandfreie, feste Verarbeitung. Aus der geöffneten 25er Cabinet-Kiste strömt ein verhaltener Duft nach Gras, Laub und trockenem Holz. Der erste Eindruck ist großartig – man freut sich auf den Genuß dieser Cigarre.
Angezündet vermittelt die Cigarre frühe Präsenz, ist zudem ausgewogen und harmonisch. Die ersten Züge erscheinen zurückhaltend, auch für eine reife ›Bolívar‹. Bald kommen allerdings Mandeltöne und feiner Kakao auf – subtile, leicht süßliche Nachhaltigkeit inklusive. Die ›Belicosos Finos‹ zieht optimal und brennt kreisrund ab. Der Kegel steht stabil und fest auf der Glut, konisch und dunkelgrau gemasert, während die Asche erst nach dem ersten Drittel fällt und in sich körnig und fest bleibt.
Der Rauchverlauf dieser Cigarre ist eher zweigeteilt als in klare Drittel zu gliedern. Die erste Hälfte fast »aged«, jedenfalls merklich reif, und dementsprechend cremig. Samtiger Rauch mit fruchtigem Touch und bittersüßem Nachhall. Ab der Mitte kommt mit der Verjüngung des Ringmaßes eine deutliche Steigerung und damit auch die für eine ›Bolívar‹ typische Kraft auf. Das Aroma wird voller, und tiefe Süße sowie Unterholzaromen treffen aufeinander, gepaart mit etwas mehr Würzigkeit. Mit dieser Substanz läßt sich diese Cigarre weit und weiter rauchen. Ein Erlebnis.

b
The Glenlivet
Anfangs wehrlos. Zu Beginn hält die Cigarre den Brand in Schach, der sich im Rauchverlauf mehr und mehr befreit. Zum Ende hin sehr schön unentschieden.
b
Aberfeldy
Milde Übereinkunft. Zugegeben: Die ersten Züge sind schwer. Doch danach eine wunderbare Salzigkeit und dazu weiches Karamel und etwas Frucht.

b


Chivas Regal
Übertrumpft phantastisch. Der Whisky erscheint mit dem Rauch sehr süß und hat die Cigarre von Anfang an fest im Griff – oder besser: in zärtlicher Umarmung.

b
Dewar’s
H2O. Pur mit der Cigarre ein wenig alkoholisch frisch. Ein paar Tropfen Wasser wirken Wunder. Bitterschokolade und Traubensüße passen gut zum vollen Rauch.




H. Upmann
№ 2


Format: Piramide
(Pyramid)
Länge: 156 mm
Ringmaß: 52 (20,6 mm)
Deckblatt: Kuba
Umblatt: Kuba
Einlage: Kuba
Stärke: 2
Rauchdauer: ca. 1 Std.
Einzelpreise:
D: € 9,50
CH: sfr 13,20

Die größte Cigarre der Degustation ist auch die jüngste. Ein schöner Auftritt mit glänzendem Cigarrenring auf einem samtigen, elastischen Colorado-Deckblatt. Die ›Upmann‹ ist fest gerollt, und obwohl leicht boxpressed, liegt sie gut in der Hand – und weckt mit ihrem feinen Duft nach Heu und einem Hauch Karamel eine veritable Vorfreude.
Ist die Cigarre erst einmal angezündet, be-merkt man die Jugendlichkeit an einer fast ungestümen Schärfe und Präsenz, die allerdings nichts mit einer eindimensionalen Aussagelosigkeit zu tun hat, sondern durchaus lebendig wirkt. Trotzdem vorerst noch kein überwältigender Nachhall. Die Cigarre brennt bei hervorragendem Zug recht gerade und mit schönem, graumeliertem Aschekegel ab.
Nach einigen Zügen erscheint die ›№ 2‹ aus-
gewogener. Es tauchen Ledernoten und leicht süßliche Erdtöne auf. Schon nach dem ersten Drittel ist auch der Nachhall präsenter, und das Gesamterlebnis ist vollmundig und sehr angenehm. Schließlich ein Finale wie ein Sonnenuntergang – mit saftigen Röstaromen und einem kubanischen »Adiós‹..

b
The Glenlivet
Wenig ausgewogen. Für den lebendigen Whisky ist die Cigarre zu verhalten. Sie verblaßt neben der fruchtigen Präsenz des Brandes. Im zweiten Drittel deutlich besser.
b
Aberfeldy
Tuffig. Der Whisky dominiert die Cigarre, die wiederum etwas salzig erscheint. Es entsteht ein tuffig-torfiger Unterton, der gut paßt, aber mit der Dauer des Rauchverlaufs etwas künstlich wirkt.

b


Chivas Regal
Sehr harmonisch. Schokoladig und mit leichten, süßen Sherrynoten, vermählen sich der Whisky und die Cigarre ganz trefflich.

b
Dewar’s
Wirbelwind. Der fruchtbetonte, leicht süßliche Whisky nimmt die ›Bolívar‹ einfach mit und wirbelt mit ihr durch die Sensorik.





Sancho Panza
Belicosos


Format: Campana (Torpedo)
Länge: 140 mm
Ringmaß: 52 (20,6 mm)
Deckblatt: Kuba
Umblatt: Kuba
Einlage: Kuba
Stärke: 2
Rauchdauer: ca. ¾ Std.
Einzelpreise:
D: € 9,50
CH: sfr 12,20

Hier präsentiert sich kein Maduro-, sondern ein Oscuro-Deckblatt: schwarz, dazu wunderbar satt und fast klebrig erscheinend. Überraschend hell erstrahlt das Innenleben. Die Cigarre, deren Verarbeitung perfekt wirkt, verströmt einen feinen Duft mit männlichen Akzenten. Daß diese Cigarre in »Einzelhaft« im Glastubo reift, scheint ihrer Aromatik keinen Abbruch zu tun.
Das beliebte ›Robusto‹-Format steht dieser Cigarre hervorragend. Form, Farbe, Verarbeitung und Ausstattung passen gut zueinander. Nach dem Anzünden wartet man auf eindrucksvolle Momente … und wartet. Um so schöner ist die verhaltene Leichtigkeit, die erst im Raum und dann am Gaumen Einzug hält. Mit der Temperatur kommt erfrischende Ätherik auf, wobei der Geschmack der ›Cristales‹ alles andere als opulent bleibt.
Der Zug ist deutlich kräftiger als der Rest der Cigarre. Vorerst. Sie brennt fast gerade ab und hinterläßt eine hammerhaifarbene, kompakte Asche, die in sich schön sandig ist. Im Rauchverlauf verstärken sich gegen jede Erwartung die fruchtigen, fast floralen Aromen vernehmlicher als die amorph-animalischen. Bis zum Schluß eine überhaupt nicht überzogene, sehr erfreuliche Cigarre.

b
The Glenlivet
Volltreffer. Hier hat der schlankste Whisky seinen großen Auftritt. Er hebt die leichten Tabakaromen hervor und ergänzt mit zurückhaltender Süße. Hinreißend!
b
Aberfeldy
Fast perfekt. Auch hier hilft der Whisky mit Süße und hebt die Cigarre auf ein sensorisches Podest, wenn auch auf etwas weniger elegante Art als sein Vorgänger.t.

b


Chivas Regal
Leichte Harmonie. Die beiden verstehen sich auf eine leichte, fast ätherische Art gut, bis spät ein wenig metallische Unruhe aufkommt. Trotzdem empfehlenswert.

b
Dewar’s
Guten Gewissens. Der Whisky dominiert eindeutig, aber es entsteht ein schönes Wechselspiel zwischen den beiden. Vor allem im Mittelteil der Cigarre sind die Höhepunkte zu verzeichnen.

 

 
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