home Home > Cigar Clan 4/2008 > Die böse Dreizehn


 


Die böse Dreizehn

Zahlen bestimmen in weiten Teilen unser Leben. Sie geben beispielsweise auf Verkehrsschildern an, wie hoch auf einer Strecke die Stundengeschwindigkeit sein darf, während der Tachometer anzeigt, ob diese Höchstgrenze auch nicht überschritten wird. Zahlen spiegeln das Bruttosozialprodukt ebenso wider wie den Schuldenstand eines Staates, dokumentieren die Höhe des Gehalts, zeigen den Betrag an, der an der Kasse des Einkaufsmarkts zu entrichten ist – kurz: Zahlen sind exakt, dienen zudem der Orientierung. Manchmal jedoch führen sie in die Irre. Dann richten sie nicht selten Schaden an. Davon weiß auch Marc André, unser Experte in Sachen Cigarrenlagerung, ein gar garstig Lied zu singen …
b
Werden Cigarren bei circa 70 Prozent relativer Luftfeuchte bzw. Feuchte gelagert, enthalten sie etwa 13 Gewichtsprozent an Wasser. Eine derart beschaffene Cigarre läßt sich optimal rauchen. In der tradierten Cigarrenliteratur begegnet man nun immer wieder einer Liste, in der Temperatur und relative Feuchte in einer Tabelle dargestellt werden, verbunden mit folgendem Hinweis: Diese (konstanten) 13 Gewichtsprozent an Wasser sind in der Cigarre nur dann gewährleistet, wenn man die jeweils angegebene Temperatur-Feuchte-Kombination einhält.

 

Temperatur

in °C

Notwendige relative Feuchte, um 13 % Wasser

in der Cigarre zu
erzeugen

15

 

100 %

 

16

 

95 %

 

17

 

89 %

 

18

 

84 %

 

19

 

79 %

 

20

 

75 %

 

21

 

70 %

 

22

 

66 %

 

23

 

63 %

 

24

 

59 %

 

25

 

56 %

 

26

 

53 %

 

27

 

50 %

 

28

 

47 %

 

29

 

45 %

 


Um sofort eines vorwegzunehmen: Diese Tabelle ist ein Paradebeispiel dafür, wie ohne jeden Sinn und Verstand ein hohes Maß an Blödsinn fabriziert werden kann. Diese Tabelle beschreibt nämlich einen völlig anderen Sachverhalt: Die angegebenen Kombinationen aus Temperatur und relativer Feuchte sind die Kombinationen, bei denen sich pro Kubikmeter Luft 13 Gramm Wasser, gelöst als Wasserdampf, in der Luft befinden. Nichts weiter. In diesem Zusammenhang vorab zwei wichtige Punkte:
• Eine Cigarre raucht sich optimal bei einem Wassergehalt von circa 13 Gewichtsprozent an Wasser.
• Bei einer Raumtemperatur von 21 Grad Celsius und einer relativen Feuchte von 70 Prozent sind pro Kubikmeter Luft circa 13 Gramm Wasser gelöst.
Jetzt melden sich jene »Fachleute« zu Wort, die zwar mit allen Wassern der Dominikanischen Republik und Kubas gewaschen, die aber im Physikunterricht des öfteren geistig abwesend gewesen sind. Ihre Behauptung: Weil die landläufige Empfehlung lautet, im Humidor seien Cigarren bei circa 70 Prozent relativer Feuchte zu lagern, bezöge sich diese Angabe ja auf die durchschnittliche Raumtemperatur von 21 Grad Celsius. Da nun, so weiter, bei dieser Temperatur-Feuchte-Kombination pro Kubikmeter Luft 13 Gramm Wasser gelöst seien und die Cigarren auch 13 Prozent an Wasser aufnähmen, sei einfach immer dafür zu sorgen, daß, abhängig von der Temperatur pro Kubikmeter Luft, immer 13 Gramm Wasser pro Kubikmeter Luft gelöst sein müßten, damit die Cigarren auch die 13 Prozent Wasser aufnähmen. Dieser Gedanke fand dann in der aufgeführten Tabelle seinen Niederschlag – mit der Absicht, dem Raucher die notwendige Orientierung zu geben, die er benötigt, um in seinem Humidor – analog zur sich verändernden Temperatur – jene relative Feuchte herzustellen, die gewährleistet, daß pro Kubikmeter Luft ständig 13 Gramm Wasser gelöst sind, damit dann auch die Cigarren die erforderlichen 13 Prozent an Wasser aufnehmen.
Genau hier liegt der Fehler. 13 Gramm Wasser pro Kubikmeter Luft und 13 Gewichts- prozent Wasser in der Cigarre haben nämlich nur eines gemeinsam: die Zahl 13.
Ein einfaches Experiment: Legen Sie eine Cigarre auf die Heizung und erzeugen Sie bei 28 Grad Celsius eine relative Feuchte von 47 Prozent. Dann treffen wir uns nach einer Woche – aber nicht zum Rauchen, sondern zum gemeinsamen Deckblatt-Abbröseln. Die umgekehrte Variante: Ab in den Keller mit der Cigarre und bei 16 Grad Celsius und 95 Prozent relativer Feuchte lagern. Da brauchen Sie dann einen Schweißbrenner, um die Cigarre überhaupt zum Brennen zu bekommen. Ergo: Vergessen Sie diese unsägliche Tabelle. Sie ist für eine optimale Cigarrenlagerung vollkommen ungeeignet.
Allerdings kann man an diesem Punkt folgende Frage berechtigterweise stellen: Nimmt eine Cigarre bei 16 Grad Celsius und 70 Prozent relativer Feuchte die gleiche Menge Wasser auf wie bei 25 Grad Celsius und 70 Prozent relativer Feuchte? Schließlich ist ja in letzterem Fall die Menge an gelö­-s­tem Wasser in der Luft um einiges größer als bei 16 Grad Celsius, weshalb die Cigarre ja zu feucht sein könnte. Andererseits könnte sie, im Umkehrschluß, bei 16 Grad Celsius austrocknen.
Bei 70 Prozent relativer Feuchte ist es nahezu irrelevant, ob die Cigarre bei 16 Grad Celsius oder bei 25 Grad Celsius gelagert wird – sie ist immer rauchbar. Aber warum – schließlich ist doch bei der höheren Raumtemperatur viel mehr Wasser in der Luft gelöst als bei der niedrigen?
b
b
Eine Cigarre besteht größtenteils aus Protein- und Kohlenstoffmolekülen. Diese Moleküle haben aufgrund ihrer Struktur eine hohe Affinität, Wasser an sich zu binden. Bei einer bestimmten Menge an gebundenem Wasser reift die Cigarre optimal, ist geschmeidig – und läßt sich hervorragend rauchen. Je höher nun die Lufttemperatur ist, desto leichter geht Wasser in den Dampfzustand über. Wasserdampf hat eine höhere kinetische Energie (Bewegungsenergie) als Wasser, weshalb er sich nicht so leicht an die Cigarre anlagert bzw. sich nicht so leicht zwischen den Trägermolekülen (Protein- und Kohlenstoffmoleküle) der Cigarre bindet. Zwar ist, absolut gesehen, bei höherer Temperatur und identischer relativer Feuchte der Wassergehalt der Luft höher als bei niedrigerer Temperatur, aber die höhere kinetische Energie der Wassermoleküle verhindert ein übermäßiges Anlagern von Wasser an die Protein- und Kohlenstoffmoleküle der Cigarre. Fazit: Unabhängig von der Temperatur lagert eine Cigarre bei einer relativen Feuchte von circa 70 Prozent Wasser gerade die optimale Menge an Wasser an, die den circa 13 Gewichtsprozent an Wasser entspricht.

Seit fünfzehn Jahren lagere ich meine Cigarren bei circa 65 bis 70 Prozent relativer Feuchte, ohne eine Temperaturanpassung vorzunehmen. Im Sommer ist es im Humidor wärmer, im Winter kälter. Sei’s drum. Wichtig ist nur, daß die Feuchte konstant gehalten wird und nicht schwankt, da ansonsten die Deckblätter reißen und die Brandenden aufplatzen. Die 70 Prozent scheinen ein sinnvoller Praxiswert zu sein, wenn wir uns in einem Temperaturbereich von 16 bis 28 Grad Celsius bewegen. Das Ergebnis eines Testversuchs, bei dem ich Cigarren bei 30 Grad Celsius und 55 Prozent relativer Feuchte gelagert habe, war dagegen eindeutig: Die Cigarren waren unrauchbar. Gelagert bei 65 bis 70 Prozent indes können Cigarren mehrere Dekaden reifen. Das hieraus resultierende Ergebnis: Sie werden immer besser …

 
Media Clan Group GmbH | Cigar Clan | Knesebeckstraße 50 | 10719 Berlin
Tel.: +49 (30) 886 75 585 | Fax: +49 (30) 886 75 586 | Email: info@cigarclan.de