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Helvetia in Tabakwolken<br> Teil III Gar wunderlich nahmen sich mitunter die Wege und Pfade aus, die der Tabak im Land der Eidgenossen beschritten hat. In mehreren Folgen gewährt unser Schweizer Mitarbeiter Thomas Brunnschweiler interessante Einblicke in eine bisweilen packende, stets jedoch kurzweilige Geschichte.
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Zwischen 1870 und 1890 kam es in der Cigarrenindustrie im aargauischen »Stumpenland« zu einer zweiten und dritten Gründungswelle. Allein im Bezirk Kulm ließen sich zwischen den Jahren 1880 und 1890 fünfunddreißig neue Cigarrenhersteller ins Handelsregister eintragen. Auch die tabakverarbeitende Heimindustrie blühte. Trotz einer allgemeinen Bevölkerungsabwanderung in städtische Industriezentren verzeichnete die ländliche Tabakregion eine positive demographische Entwicklung. Schließlich gab es in der Zeit zwischen 1882 und 1911 in der Cigarrenindustrie einen markanten Wachstumsschub: Die Zahl der Betriebe erhöhte sich von vierundvierzig auf achtundsechzig, jene der Beschäftigten von 2316 auf 3204. In diese Zeit fällt auch ein wichtiges Datum: Im Jahre 1888 wurde im luzernischen Pfeffikon die Cigarrenfabrik ›Villiger‹ gegründet, die bis heute in der Tabakbranche eine wichtige Rolle spielt.
In den angeführten Zahlen sind die Heimarbeiter und die Beschäftigten der Zulieferbetriebe noch nicht einmal enthalten. Die relative Bedeutung der Tabak­industrie nahm trotz steigender absoluter Zahlen aber schnell ab. Um 1911 waren es im Kanton Aargau nur noch 11 Prozent der Beschäftigten, die in der Tabakbranche arbeiteten – gegenüber rund 20 Prozent im Jahre 1882. Gesamtschweizerisch hatte 1911 nur noch jeder hundertste Beschäftigte mit Tabak zu tun. Das Jahr 1911 markiert denn auch den Höhepunkt der Cigarrenindustrie, die sich bis ins frühe 20. Jahrhundert relativ unbelastet von einer hohen Besteuerung entwickeln konnte.
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Krieg, Krise und die Konkurrenz Cigarette
Im Gegensatz zu den sie umgebenden Staaten war die Schweiz in puncto Besteuerung der Tabakprodukte relativ zurückhaltend. Wurden in Italien pro Kilogramm Tabakfabrikat fast 12 Franken Steuerabgaben verlangt, zahlte der Schweizer Fabrikant gerade einmal 38 Rappen. Zudem wurden auf eingeführte Produkte Schutzzölle erhoben, um die einheimische Industrie zu schützen. Als dann während des Ersten Weltkriegs im Zuge der Erhöhung der Konsumentenpreise auch die für den Rohtabak stiegen, sah der Bund in der Besteuerung des Tabaks eine Chance, die Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen: 1920 wurde die Zollbelastung des Tabaks auf einen Schlag verdreifacht. Die Folge: Mehr und mehr fand sich die Cigarrenindustrie durch hohe Rohtabakpreise und schwindende Kaufkraft der Kunden in der Defensive wieder. Damit nicht genug, kam noch etwas hinzu: Erstmals wurden Cigaretten als Konkurrenz zur Cigarre wahrgenommen. Die Raucher wichen in der Wirtschaftskrise denn auch auf billige Rauchtabake und Cigaretten aus, und so erreichten die cigarrenherstellenden Betriebe im Krisenjahr 1922 nur die halbe Produktionskapazität – etliche Betriebe im »Stumpenland« mußten sogar schließen. Dank verstärkter Werbeanstrengungen erholten sich zwar die größeren Betriebe bis 1925 wieder, aber seit dem Ersten Weltkrieg hatte die Cigarette einen starken Aufschwung erfahren und begann die Rauchgewohnheiten der Bevölkerung sukzessive zu verändern. Selbst größte Anstrengungen der Cigarrenhersteller im »Stumpenland«, den Anschluß an die neuen Konsumentenwünsche zu finden, waren nicht erfolgreich. Im Gegensatz zur Westschweiz, wo sich eine erfolgreiche Cigarettenindustrie etablieren konnte, wurde das Kernland der Cigarre nie zu einem Produk­tionsort von Cigaretten. Eine Cigarettenfabrik im aargauischen Rei­nach beispielsweise mußte 1924 nach nur sechs Jahren Produktion die Pforten wieder schließen.

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Filialen in Deutschland
Deutschland spielte für den Export von Cigarren schon früh eine wichtige Rolle. Ein Vertreter von ›Villiger‹ brachte um 1900 einen Rucksack mit »Stumpen« nach München, um die in Deutschland noch fast unbekannten Tabakprodukte, die sich durch die beidseitige Beschneidung von der Kopfcigarre unterschieden, in Bierlokalen in Umlauf zu bringen. Das Geschäft mit Deutschland florierte, bis das deutsche Wertzollgesetz 1909 den Markt abschottete. Die tüchtige und weitblickende Unternehmerwitwe Louise Villiger entschloß sich daher kurzerhand, in Tiengen bei Waldshut eine Produktionsstätte auf deutschem Boden zu gründen. Damit tat sie, was viele Schweizer Unternehmer schon vor ihr getan hatten, um auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Schließlich, 1927, eröffneten die Brüder Hans und Max Villiger eine deutsche Niederlassung in München, die bald mehr Mitarbeiter beschäftigte als das Stammhaus in Tiengen. Bis 1930 gehörte die Firma ›Villiger‹ zu den Großunternehmen der deutschen Tabakindustrie.
Die Übernahme der Cigarrenfabrik der jüdischen Brüder Strauß in Bad Cannstadt durch ›Villiger‹ im Jahre 1935 führte notabene 1989 in der Schweiz zu einer Arisierungsdebatte, nachdem Kaspar Villiger in besagtem Jahr in die Schweizer Landesregierung gewählt worden war. Die Presse witterte im Zusammenhang mit der arisierten Firma Strauß einen Skandal. Heinrich Villiger, der Bruder Kaspars, reagierte richtig und beauftragte renommierte Historiker mit der Untersuchung der Firmengeschichte. Die Firma ›Villiger‹ konnte weitgehend entlastet werden, und 1989 attestierte ihr der Journalist Urs Thaler in seinem Buch Unerledigte Geschäfte, sie habe »den fairen Ausgleich vor nackten Eigennutz« gestellt. Übrigens gründeten auch andere Fabrikanten aus dem »Stumpenland« Filialen in Deutschland, aber nur ›Burger‹ und ›Villiger‹ blieben auf Dauer im »großen Kanton«, wie mancher Schweizer das nördliche Nachbarland scherzhaft nennt.
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Weltwirtschaftskrise und die Folgen
Ab dem Jahre 1931 machte sich die Weltwirtschaftskrise auch im Land der Eidgenossen schmerzlich bemerkbar. Der Cigarrenabsatz geriet ins Stocken. Die Umsatzeinbrüche im Tourismus ließen den Verkauf von Kopfcigarren zurückgehen. So stellten die meisten Hersteller ihre Produktion auf billige »Stumpen« um, die für den einfachen Mann noch erschwinglich waren. Zwei Jahre darauf, 1933, zogen in Form einer neuen Tabakbesteuerung wieder einmal unversehens dunkle Wolken am Tabakhorizont auf. Die Cigarrenhersteller stemmten sich zwar dagegen, aber ohne Erfolg. Als 1936 die Tabaksteuer ein weiteres Mal erhöht wurde und die Produzenten die Löhne kürzen mußten, wurden Arbeiterinnen und Arbeiter aktiv: Am 27. Mai 1937 demonstrierten im aargauischen Reinach viertausend Mitarbeiter, die in die Cigarrenherstellung involviert waren, gegen die Fiskalpolitik des Bundes. Aber der Bundesrat ließ sich auch durch diese eindrückliche Kundgebung nicht umstimmen. In jener Situation entbrannte ein harter Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Produk-tionsstätten. Hauptsächlich das Marketing von ›Burger‹ und ›Villiger‹ – den Großen in der Branche – wurde von den mittleren bis kleinen Mitkonkurrenten als aggressiv und schädlich empfunden. Als dann 1938 die Kontingentierung des Rohtabaks beschlossen wurde, sahen viele in dieser Maßnahme einen Ausweg aus der Krise.
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Unaufhaltsamer Niedergang
Die Tabakkontingentierung existierte bis 1958. Sie konnte den Strukturwandel in der Cigarrenbranche zwar verzögern, aber nicht mehr aufhalten. Zwischen 1939 und 1955 mußten allein in der aargauischen Ci- garrenindustrie siebzehn Betriebsstätten schließen. Die schweizerische Tabakindustrie war in diesen Jahren die rückständigste in Europa. Weil die Besteuerung, etwa im Gegensatz zu Deutschland, nach wie vor gering war, hatte man an der Handarbeit festgehalten und die Produktion nicht mechanisiert. Das sollte sich nun rächen. Dazu kam, daß im Gegensatz zum boomenden Cigarettenmarkt der Verkauf von Cigarren stagnierte. 1960 beispielsweise stellte die Industrie etwa gleich viel her wie 1934 und 1945. In dieser Zeit sahen sich einige genötigt, gegenzusteuern: Im Jahre 1958 versuchten fünf Familienbetriebe als ›Allgemeine Tabak AG‹ (›ATAG‹) die Auszehrung der Branche zu verhindern. Ohne Erfolg. Dann, in den zurückliegenden siebziger Jahren, spitzte sich die Situation zu: Die Cigarrenproduktion brach um die Hälfte ein. Damals war die Cigarette en vogue. In Fernsehdiskussionen konnte es vorkommen, daß die Mehrheit der Gesprächspartner Cigaretten paffte, etwas, das heute völlig undenkbar wäre. Dazu kam, daß die Cigarre in einer urbaner werdenden Welt als Relikt aus einer behäbig-bäuerlichen Vergangenheit angesehen wurde. Die Zeit war vorbei, in welcher der »Stumpen« geradezu als Symbol des Wehrwillens erschien. Zudem begann die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber dem Rauchen abzunehmen. Als 1982 die
traditionsreiche Firma ›Weber Söhne AG‹ bekanntgab, daß sie ihre Markenrechte an ›Villiger‹ übertragen werde, war das für das aargauische »Stumpenland« der Anfang vom Ende. Nur drei Jahre später stellte mit ›Weber‹ der letzte Großbetrieb in Aargau
die Produktion seiner Betriebsstätten in Reinach und Menziken ein.

 
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