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Umbriens Castello delle Regine
Ein unentdeckter Schatz

Neben den schon ohnehin vielen Fachbesuchern strömen auch einige Kohorten an Veronesern zu ihrem Vergnügen in die Ausstellungshallen. Wenn es meine Zeit erlaubte, triebe ich mich jetzt viel lieber am Gardasee herum und bestaunte die Blüten der Obstbäume und die ersten grünen Spitzen der zu Pergolen erzogenen Weinstöcke, nähme die Fähre von Bardolino, genösse den hier, hinter den Alpen, schon in voller Pracht stehenden Frühling. Ich träume kurz von einem ausgedehnten Mittagessen mit venezianischen Köstlichkeiten, von hausgemachter Pasta, einer Flasche guten ›Valpolicella‹ und der romantischen Aussicht über den See auf die noch verschneiten Spitzen der Voralpen.
Jäh werde ich wieder ins wahre Leben zurückgerissen. Einer der »Spaziergänger« –
so nennen wir die zahlreichen privaten Weinliebhaber, die sich durch ihre betont entspannte Fortbewegung zwischen den Messeständen von den fast hektisch hin
und her eilenden Professionellen unterscheiden … einer dieser »Spaziergänger« hat sich unerwartet dazu entschlossen, nach rechts abzubiegen, und prallt mit mir zusammen. Aber da stehen wir auch schon vor unserem vermeintlichen Ziel.

Das Mißverständnis
Es war nicht einfach, den Standort dieses Weinguts im Messekatalog zu finden, und ich freue mich schon auf die Verkostung. Wir haben in letzter Zeit viel Gutes über die zu erwartenden Qualitäten gehört und gelesen. Eine kurze, freundliche Begrüßung, und wir setzen uns zu einer ausführlichen Probe der aktuellen Jahrgänge. Leider kann ich mich heute nicht mehr daran erinnern, wie das Weingut heißt, denn schon beim Blick auf das Etikett wird uns klar: Das kann nicht die richtige Adresse sein. Der Name des Weinguts ist dem gesuchten zum Verwechseln ähnlich, liegt aber nicht in Kampanien, sondern im Anbaugebiet Marchen. Das ist mir noch nie passiert.
Lars will gleich weiter und drängt mich, so schnell wie möglich aufzustehen. Unser Terminkalender sei übervoll und wir könnten jede Minute gebrauchen. Ich habe echte Skrupel. Man stürmt nicht auf einen Messestand, teilt dort mit, daß man die gesamte Reihe der neuen Jahrgänge verkosten möchte, und geht vor dem ersten Probeschluck wieder. Die Leute geben ihr Herzblut in ihren Wein, und es wäre zugleich Beleidigung und Geringschätzung ihrer Arbeit, in solch einer Situation einfach aufzustehen und zu gehen. So etwas bringe ich nicht übers Herz. Außerdem: Wer weiß, vielleicht finden wir ja ein unentdecktes Juwel? Das ist doch das Allerbeste an unserer Arbeit: ein Weingut oder auch nur einen einzelnen Wein zu finden, der so ausgezeichnet ist, daß man alle Kollegen damit überraschen kann. Jetzt obsiegt die Neugier, und auch Lars ist bereit, ein wenig Zeit zu investieren.
Ja, die Neugier, dieser große, alte Motor der Menschheit. Dieses Mal führt sie uns ganz schön hinters Licht. Der erste Wein ist schrecklich. Lars steht schon. Ich kann ihn überreden, auch die zweite und dritte Probe mitzumachen, aber er flippt fast aus, als ich mit Märtyrerblick auch noch den letzten und vermeintlich besten Vino rosso bestelle. Eine Katastrophe! Wir haben lange nicht mehr so schlecht gemachte Weine verkostet.
Während der gesamten Probe beobachte ich eine Dame am Nebenstand. Ich weiß nicht genau, was mich so fesselt, aber ihre Mimik, ihre Gestik und die Stilsicherheit ihrer Garderobe ergeben zusammen mit ihren eleganten Bewegungen ein Bild, das nicht aus dem Sinn will. Zuvorkommend schenkt sie immer wieder Rotwein aus unetikettierten Flaschen aus. Jetzt schaut sie herüber und lächelt kurz. Wir stehen auf, und ich ziehe Lars, der sich irgendwie in sein Schicksal ergeben hat, zu ihr herüber.
Dieses Mal sind wir vorsichtiger und fragen freundlich, ob wir den Wein, den Livia Colantonio gerade ausschenkt, einmal probieren dürfen. Ich möchte mich nicht schon wieder moralisch verhaftet fühlen – und so wären wir im Ernstfall nach dem ersten Schrecken erlöst. Wir werden an einen Tisch gebeten, und es gibt ordentliche Gläser. Eigentlich ist das schon ein gutes Zeichen, aber wir sind jetzt ein wenig mißtrauisch und haben schon einen Fluchtweg im Auge.

Die Fügung
Was für eine Farbe! Unsere Laune bessert sich schon merklich, als wir den dunklen, tiefroten Wein mit den violetten Reflexen im Glas sehen. Die hellen Ränder verraten seine Jugend. Eine erste Geruchsprobe verspricht einen gut gemachten ›Sangiovese‹. Der erste Schluck hält nicht nur dieses Versprechen, sondern entschädigt schon fast für die vorangegangene Pein. Der Wein macht einfach Spaß. Hier sind wir richtig. Auf die nur beiläufig eingeworfene Bemerkung, dies wäre der einfachste Wein des Weinguts, reagieren wir fast euphorisch. Es folgen prompt die Beweise in Form von gut strukturierten, intensiven und doch niemals zu mächtig wirkenden Weinen. Besonders hat es mir der ›Merlot‹ angetan: Produziert aus einer Auslese der ältesten, bis zu vierzigjährigen Rebpflanzung, ist er wunderbar tief strukturiert. Aus der fast schwarzroten Flüssigkeit strömen Aromen von Holunder und Cassis. Ein Hauch Vanille dominiert die Gewürznoten, und im Hintergrund kann ich den Duft von Buchenholzfeuer erkennen. Ein großer Wein!
Livia erzählt jetzt vom ›Castello delle Re-gine‹, einem fast vierhundert Hektar großen Gut, etwa fünfundvierzig Autominuten vor Rom gelegen. Hier wachsen auf rund hundertzwanzig Hektar vor allem ›Sangiovese‹, dann noch ›Merlot‹, ›Cabernet Sauvignon‹ sowie andere, auch weiße Rebsorten. Ihr Lebenspartner Paolo Nodari, erfolgreicher Rechtsanwalt aus Mailand, hat sich hier vor dreizehn Jahren einen Lebenstraum verwirklicht. Er übernahm das seit fast fünfhundert Jahren existierende Gut zwischen Narni und Amelia und modernisierte die Produktionsanlagen, pflegte die alten, wertvollen Weingärten im Tal ›Le Regine‹ und richtete sein Augenmerk vor allem auf eine Teilanlage von siebzig Hektar Weinbergen sowie auf ein kleines Hotel mit Restaurant. Auch Wissen und Know-how waren ihm wichtig, und so heuerte er Franco Bernabei an, einen der besten Weinmacher Italiens, überdies unumstrittener Meister der Rebsorte ›Sangiovese‹. Zudem investierte Paolo in Zeit. Normalerweise wartet man circa vier Jahre, um aus Trauben, die neu angepflanzt worden sind, Wein zu produzieren. Paolo Nodari wartet ganze acht Jahre. Was für ein Luxus! Aber man kann es riechen und schmecken, selbst im »einfachsten Wein«.
Hier haben wir unsere Entdeckung! So etwas habe ich mir vorgestellt. Ich erfahre zu meiner großen Freude, daß wir genau diesen Jungfernjahrgang verkosten durften. Wir sind die ersten ausländischen Weinhändler, und selbst in Italien hat das Gut noch nicht einmal den Status eines Geheimtips erreicht. Wir sind überzeugt, daß sich das schnell ändern wird.

Die Nachricht
Nicht ganz ein Jahr später sitze ich auf dem Frankfurter Flughafen, als sich die Geißel (und der Segen) des aufgeklärten Menschen bemerkbar macht: Mein Mobiltelephon klingelt. Livia Colantonio hört sich freudig erregt an, als sie mir berichtet, daß der ›Castello delle Regine Merlot‹ die begehrte Höchstauszeichnung – drei Gläser – im wichtigsten italienischen Weinführer, dem ›Gambero Rosso‹, erhalten hat. Die Verbindung ist schlecht, und ich fasse mich kurz: »Keine Überraschung, Livia.« Mir fällt ein, daß ich immer noch nicht in Umbrien war, um mir das Weingut mit eigenen Augen anzusehen …
Ein paar Wochen später ist es Sommer in der Ewigen Stadt. Ich habe mich mit Kolja Kleeberg, Sternekoch im berühmten ›Vau‹ am Berliner Gendarmenmarkt, und seinem stets gutgelaunten Sommelier Hendrik Canis am Flughafen getroffen. Lars ist auch wieder mit von der Partie. Der Vorschlag, den Mittag in Rom zu verbringen, wird abgelehnt – wir wollen so schnell wie möglich zum Weingut. Durch die offenen Fenster unseres Mietwagens strömt die heiße römische Luft. Es riecht nach Großstadt.
Eine knappe Stunde später fahren wir die Auffahrt zum Anwesen hinauf. Die Luft ist erfrischend und einige Grad kühler als in Rom. Nach einer kurzen Begrüßung steigen wir in einen Geländewagen und starten zu einer Besichtigungstour. Alles ist noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe. Wald, Weinberge und siebentausend Olivenbäume bilden zusammen mit der hügeligen Landschaft eine großartige Kulisse. Auf dem höchsten dieser Hügel steht das aus dem 17. Jahrhundert stammende ›Castelluccio Amerino‹. Der liebevoll renovierte Gebäudekomplex wird von zwei kräftig bellenden Dobermännern beschützt und ist heute der Wohnsitz von Livia und Paolo, wenn sie nicht in Mailand sind. Mir drängt sich die Frage auf, wie es möglich ist, gleichzeitig eine Anwaltskanzlei erfolgreich zu leiten und die Arbeit auf diesem weitläufigen Anwesen zu organisieren …
Die Überraschung
Plötzlich taucht aus dem Wald ein riesiges Geschöpf auf und trottet langsam neben uns bergab. Noch nie zuvor habe ich ein so schönes Rind gesehen. ›Castello delle Regine‹ beherbergt eine Zucht der für Umbrien und die Toskana so typischen ›Chianina Bianco‹-Rasse und hat vor kurzem die von der ›EU‹ vergebene ›DOP‹ erhalten, eine geographische Ursprungsbezeichnung, die nur unter Einhaltung strengster Kriterien vergeben wird. Jetzt wollen wir alle die Stallungen besuchen. Besonders Kolja ruckelt unruhig auf seinem Sitz hin und her, und seine Augen leuchten aufgeregt, während er Johnny Cashs Ring of Fire singt. Wenig später stehen wir ehrfürchtig vor dem »Chef« der Zucht. Seine Augen sind auf der Höhe meines Haaransatzes, und er schaut sprichwörtlich auf uns herab. Zum Glück weiß der Bulle nicht, welche Kraft er hat. Ich staune über dieses wunderschöne weiße Riesenvieh mit dem hübschen Gesicht und den großen, sanften Kastanienaugen.
Mittags sind wir im Restaurant des Anwesens zum Essen eingeladen. Zur Vorspeise gibt es ›Carpaccio‹. Ich unterdrücke die Bemerkung: »Oh, wie einfallsreich«, bin aber etwas ärgerlich, als ich den Teller erblicke. Die ganze Runde schaut leicht verunsichert auf das runde weiße Porzellan mit den zwei langen und circa fünf Millimeter dicken Streifen rohen Rindfleischs. Irgendwie habe ich ›Carpaccio‹ anders in Erinnerung. Der Oberkellner träufelt jedem ein wenig Olivenöl aus eigener Produktion auf die an Schuhsolen erinnernden Scheiben und vervollständigt das Ganze mit etwas frisch gemahlenem Pfeffer. Ich kann mich gerade noch beherrschen, die Vorspeise nicht zurückzugeben, und versuche unter den hilflosen Blicken der anderen ein kleines Stück. Was für eine Überraschung! Diese Köstlichkeit schmilzt förmlich auf der Zunge und macht mein schon auf Schwerstarbeit eingestelltes Gebiß fast überflüssig. Das ›Carpaccio‹ ist mit Kräutern und Gewürzen mariniert und entwickelt mit dem nach Artischocken schmeckenden Öl ein geradezu betörendes Aroma.
Bis heute ist dies das beste Stück rohen Fleischs, das ich je gegessen habe: Sushi für Fleischfresser! Alle sind begeistert, und nach kurzer Zeit sind die Teller leer, und wir versuchen, auch noch die letzten Tropfen Öl irgendwie vom Teller zu bekommen. Auf Nachfrage erfahren wir, daß dieses Öl von nur einer einzelnen Olivensorte, der ›Moraiolo‹, hergestellt wird. Die Früchte für das weiche, grünlich-gelbe Öl wachsen wenige hundert Meter von unserem Tisch entfernt und eignen sich speziell für ›Carpaccio‹ und Grillgerichte, wie etwa die berühmten ›Bistecca Fiorentina‹ aus der Hochrippe des ›Chianina‹-Rinds.
Den Abend verbringen wir plaudernd und lachend mit Livia und Paolo auf ihrem Hügel und genießen nochmals mit allen Sinnen Wein, Fleisch, Öl und Grappa aus eigener Produktion. Später liege ich in meinem Zimmer in einem der geschmackvoll eingerichteten Häuser, höre den Geräuschen der Sommernacht zu, lasse in Gedanken den Tag noch einmal an mir vorüberziehen und beschließe, Paolo als Dank für seine Gastfreundschaft eine Kiste seiner geliebten ›Hoyo de Monterrey Double Coronas‹ zu senden.
Text: Peter Steger
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