home Home > Cigar Clan 3/2008 > Gigantenkampf: Partagás versus Davidoff
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DEGUSTATIONEN

 



Eine Cigarrendegustation, welche die Teilnehmer aufs härteste forderte, stand Anfang März in den ehrwürdigen Mauern der ›Havanna Lounge‹ in Bremen an. Ein Klassiker von besonderer Güte und Tradition und eine moderne Cigarre, die in ihrer Machart und Komposition neue Maßstäbe setzt, wurden zusammen verkostet …

Eine lackierte 10er Kiste ›Partagás 8-9-8‹, die eigentlich ›3-4-3‹ heißen müßte, hergestellt im Juni 2002, wurde im Herbst 2003 aus Kuba nach Deutschland gebracht, auf eigene Gefahr nicht gefrostet und unter perfekten Bedingungen bis zu diesem Tage aufbewahrt. Die zweite Cigarre, eine ›Davidoff Puro Robusto‹ mit dem Zusatz ›Limited Edition 2007‹, kam erst Ende letzten Jahres auf den Markt – streng limitiert und ausschließlich aus Blättern dominikanischen Ursprungs bestehend – und weist als besonderes Merkmal ein eigens von ›Davidoff‹ unter der bewährten Leitung von Cigarrenmacher Hendrik Kelner entwickeltes Deckblatt auf: die ›Davidoff Capa Dominicana‹, gezogen in der Region Yamasá im Süden der Dominikanischen Republik. Beide Cigarren wurden parallel geraucht, um einen eindeutigen Vergleich anstellen zu können. Damit jeder Teilnehmer sensorisch auf der Höhe war, traf man sich um elf Uhr vormittags und gestattete sich als Begleitgetränke hauptsächlich Wasser und gelegentlich Kaffee.
Sorgen um eine gut besetzte Verkostungsmannschaft waren nicht angebracht. Gastgeber Olaf Janotta und weitere Clubmitglieder erhielten Unterstützung von René Schuhmann aus dem Hause ›Gebr. Heinemann‹ und Cigar Clan-Chefredakteur Dieter H. Wirtz. Degusta­tionsleiter Matthias Martens hatte nicht nur die Verkostung organisiert, sondern auch die kubanische Cigarre aus dem eigenen Humidor zur Verfügung gestellt.
Die Degustation und deren Ergebnis in Worte zu fassen war allerdings noch deutlich anspruchvoller als die Verkostungsarbeit an sich. Um die Unterschiedlichkeiten der beiden Cigarren in der Stilistik, der Sensorik und der Präsenz nachvollziehbar darzustellen, entschied sich Matthias Martens für den metaphorischen Weg. Der Vergleich zum guten, alten, archaischen Faustkampf lag für ihn bei einem solchen Aufeinandertreffen nahe …

*
In der roten Ecke, schlank und groß gewachsen, drahtig, kühl, der Kubaner, in den besten Jahren, die Hände auf den Seilen, den Kopf gesenkt, in sich gekehrt. Er wippt auf den Zehenspitzen, als würde er die Sekunden zählen … Aber die Zeit steht still. In der blauen Ecke der Mann aus der Dominikanischen Republik, ein wahrer Bomber, jung und ungezähmt, breite Schultern, starke Oberarme, massige Brustmuskeln, bringt er einige Kilogramm mehr auf die Waage als sein Kontrahent.
Der Ringrichter bittet beide Kämpfer in die Ringmitte. Ihre Blicke begegnen sich deutlich früher. Keiner sieht weg. Der Mann aus Santo Domingo ist früher beim Referee und erwartet seinen Gegner. Angst ist, »im Ring Joe Louis gegenüberzustehen und zu wissen, er will heute früh nach Hause«, hat ein Schwergewichtschampion einmal gesagt. Selbst wenn sie dieses Gefühl beschlichen haben sollte – keiner der beiden zeigt es. Schnell die Regeln. Die Fäuste prallen ein erstes Mal aufeinander: kein Kräftemessen, eher eine energetische Verabredung, alles zu geben. Dann die Glocke …
Der Dominikaner stürmt voran. Kraft und Masse feuern wilde Schläge. Einige treffen die Deckung, andere gehen daneben. Nach dem ersten Ansturm wirkt er kontrollierter und trifft besser. Von der anderen Seite prüfende Jabs, auch auf die Deckung, dann wiederum behende den Schlägen des anderen ausweichend, als wollte der Kubaner seine Armlänge ausmessen. Wieder ein breit aufgestellter Angriff. Der schlankere Kämpfer muß zurückweichen, läßt sich wie einst Muhammad Ali in die Seile fallen, um dann elegant wieder aufzutauchen, läßt aber die Chance verstreichen, zurückzuschlagen. Abstand. Der Hüne läßt jetzt die Fäuste hängen. Fordernd steht er da. Sein Gegner tänzelt und weiß, daß er agieren muß, denn diese erste Runde ist ungemein wichtig. Für die Ringrichter, für das Publikum, für ihn und sein Selbstvertrauen, für das Wissen um die eigene Stärke. Der breite Boxer schlägt sich gegen die Brust und geht wieder auf seinen Gegner zu, diesmal deutlich langsamer, so, als hätte er einen Plan. Da weckt ihn ein fast zärtlicher Treffer auf: Die Führhand des Kubaners trifft seine Stirn. Vorbei die Räson: Wütend prasseln die Schläge des Dominikaners auf den gegnerischen Körper. Eine eindrucksvolle, doch unschöne Prügelei mit wenig Wirkung und zwei, drei Kontern, die er einstecken muß. Der Gong beendet den Schlagabtausch. Das Publikum ist zufrieden und … geteilter Meinung.
Konzentration in den beiden Ringecken. In sich gekehrt, empfängt der ältere, der Kubaner, die Weisungen seines Trainers. Der andere nickt und schwitzt und trinkt. Die zweite Runde zeigt einen wacheren Hünen. Regulierter, gefährlicher und konstanter, während der drahtigere Kämpfer fleißiger und agiler ist, am Gegner bleibt, seine Schläge variiert: nie existentiell bedrohlich, sondern konstant auf Punktejagd und optisch eine Augenweide. Er wechselt die Auslage und wagt sich immer weiter vor, wirkt von Mal zu Mal mutiger. Dafür bestraft der jugendliche Koloß ihn mit Körpertreffern, die ihm die Luft nehmen. Die Angriffe des Kubaners werden wieder kürzer, seltener, verhaltener. Konstant baut der Mann aus der Dominikanischen Republik sich vor ihm auf, unverletzt und kaum außer Atem. Eine lange Runde für beide. Eleganz gegen Kraft, Bewegung gegen Statik. Endlich der Gong. Der Kubaner bleibt in der Ecke stehen, als fürchte er den Energiefluß zu beenden, wenn er sich auf den Hocker setzt. Während ihm das Wasser über den Kopf gegossen und die Stirnpartie über den Augen massiert wird, beschwört der Trainer ihn. Niemand hört, was er sagt, aber alle wissen es: weitermachen, nichts verändern, durchhalten, die Erfahrung ausspielen.
Der Körper des Gegners hebt und senkt sich beeindruckend. Alle Muskeln glänzen unter der braunen Haut, und die Schweißperlen vereinen sich mit dem Eiswasser. In den Adern heißes Blut. Die Ansagen aus der Ecke kommen nur nebulös an. Ein verwirrter Blick zum Gegner, warum der noch steht …
Die finale Runde ist fast eine Wiederholung der ersten. Doch noch ungestümer der Riese, der sich fast verzweifelt austobt, während der aufgeklärte Kämpfer besser mit der Situation umgeht als in den Runden zuvor. Er weiß, er kann den Kampf nicht vorzeitig beenden, wahrscheinlich auch nicht gewinnen, nur bestehen und überzeugen, besser aussehen und so Sieger in Moral und Stil bleiben. Er weicht aus und schlägt nach, kennt die Gefahr der massiven Schläge, weiß um deren Wucht, tanzt sie aus, wie ein Torero den verletzten Stier, vorsichtig und doch behende. Nie hat jemand den »Lucky Punch« weniger gesucht als er. Jetzt aber explodiert der Kubaner: zwei Gerade zum Kopf, ein Schwinger, der sitzt. Noch zweimal zum Körper. Rückzug. Der Große wackelt nicht einmal, ist dennoch beeindruckt. Dann der letzte Gong.
Der starke, dunkle Kämpfer hebt die Arme, beschwört seinen Sieg, während der schlanke Boxer in seine Ecke geht und sich in aller Ruhe die Handschuhe abnehmen läßt. Auch er grüßt, das Urteil erwartend, seine Fans mit Siegesposen. Dann geht er zu seinem Kontrahenten in die andere Ringecke. Sie klopfen sich auf die Schulter. Wenige Gesten verbinden sie. Keine Seelenverwandtschaft, keine gemeinsame Schule.
Die Punktrichter sind unentschieden: Der eine sieht den Kubaner wegen seiner Konstanz und seines letzten Aufbäumens vorne, der andere bewertet Kraft und Aktivität des Dominikaners höher, der dritte hat die Punkte genau gezählt und besiegelt das Remis in einem Kampf, der ungleicher nicht hätte sein können.
Der Kubaner wird noch viele große Kämpfe gewinnen, und doch weiß er seit heute, daß er nicht unverletzlich ist. Und der breitschultrige Dominikaner? Er hat eine große Karriere vor sich, hat in diesem Kampf viel gelernt, braucht aber noch einiges an Erfahrung, um einen stilsicheren, alten Recken entscheidend zu schlagen




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Short Story


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