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Sächsische Schweiz

Glashütte in Sachsen hat rund zweieinhalbtausend Einwohner, kein Hotel, einen Bahnhof, einen Kindergarten, zwei Kirchen und fünf Kneipen. Eine Metropole? Auf jeden Fall, zumindest aus der Sicht eines Uhrenliebhabers. Schließlich entstehen schon seit vielen Generationen im lieblichen Müglitztal mechanische Zeitmesser der Spitzenklasse. Davon zeugt nicht zuletzt das neue ›Uhrenmuseum Glashütte‹, das dieser Tage eröffnet wurde. Träger dieses Museums sind die Stadt Glashütte sowie die ›Swatch Group‹ mit der Marke ›Glashütte Original‹ an der Spitze (siehe auch Seite 111). Weiterhin sind in der Kleinstadt die Marken ›A. Lange & Söhne‹, ›Nomos‹, ›Nautische Instrumente Mühle‹ sowie die ›Wempe Chronometerwerke‹ zu Hause. Bis auf ›Wempe‹ haben alle ihren Hauptsitz an der Altenberger Straße, die mit Fug und Recht als »Deutschlands Uhrenmeile« bezeichnet werden darf.
Nomos
An dieser Uhrenmeile liegt auch der Glashütter Bahnhof. Dort werden allerdings schon längst keine Fahrkarten mehr verkauft, sondern Uhren gebaut. ›Nomos‹ kaufte das leerstehende Gebäude – vis-à-vis von ›Lange‹ und ›Glashütte Original‹ – im Jahre 2000, renovierte es und nutzt es seit rund drei Jahren als Hauptfirmensitz. Der ehemals graue Kleinstadtbahnhof ist zu einem Schmuckkästchen geworden – oder vielleicht besser: zu einer lichtdurchfluteten Uhrenschatulle. Weil man bei ›Nomos‹ geneigt ist, die Dinge manchmal etwas anders anzugehen als andere, wurde kein Architekt mit der Gestaltung des neuen Firmenzentrums beauftragt, sondern ein Künstler. Der Rheinländer Klaus Schmitt war in Düsseldorf Meisterschüler von Günther Uecker, ist Maler, Bildhauer und ein Freund von Roland Schwertner, dem Gründer und Gesellschafter von ›Nomos‹.
Schwertner war 1990 einer der ersten »Wessis«, die sich nach dem Fall der Mauer an dem heruntergewirtschafteten Traditionsstandort der deutschen Uhrenindustrie niederließen. Er sicherte sich den Markennamen ›Nomos‹, der einst ein Unternehmen bezeichnete, das Ende des 19. Jahrhunderts in Glashütte mit Schweizer Werken schlichte Uhren herstellte. Eine Geschäftsidee, die sich durchaus in die Nachwendezeit transferieren ließ. Gemeinsam mit der Graphikdesignerin Suzy Günther kreierte der kunstsinnige Kaufmann Schwertner eine kleine Kollektion aus runden Uhren mit den Namen ›Tangente‹, ›Ludwig‹ und ›Orion‹ sowie einer quadratischen namens ›Tetra‹. Ergänzt wurde diese Basiskollektion erst im vergangenen Jahr durch die ›Club‹, die aus dem Wunsch hervorgegangen war, eine Qualitätsuhr zum günstigen Preis anbieten zu können.
Ohne es so zu benennen, nehmen die Zeitmesser die Philosophie des ›Bauhauses‹ auf, wonach die Funktion die Form bestimmt. Nicht umsonst ist das runde Modell ›Tangente‹, das dieser Philosophie in Perfektion entspricht, seit der ersten produzierten Uhr im Jahre 1993 ein Renner. Beschleunigt wird der Erfolg von einem überaus pfiffigen Marketing und der engen Zusammenarbeit mit der Juwelierkette ›Wempe‹, die immer wieder Sonderserien der ›Tangente‹ ordert.
Weil es an der formalen Gestaltung der Uhren kaum etwas zu verbessern gab, kümmerte man sich bei ›Nomos‹ in den vergangenen Jahren verstärkt um die inneren Werte der Uhr. Konsequent entwickelten die Uhrmacher das brave Schweizer Uhrwerk ›ETA 7001‹, bei Uhrenfreaks auch als ›Peseux‹-Kaliber bekannt, weiter – ganz im Sinne der Glashütter Uhrmachertradition. Das Uhrwerk bekam unter anderem eine neue Einrichtung zur Feinregulierung (Triovis), eine Datumsanzeige, die typische Glashütter Dreiviertelplatine und eine Gangreserveanzeige. Das alles entwickelten die ›Nomos‹-Leute nicht nur, sondern bauten es auch selbst. Ein Höhepunkt in dieser Entwicklung ist das Modell ›Tangomat‹. Die große Schwester der ›Tangente‹ ist ausgestattet mit einem bei ›Nomos‹ selbst gebauten Automatikwerk, was auch den eigenwilligen Namen erklärt (Tangente + Automatik = Tangomat). Entwickelt wurde der Uhrenmotor von Mirko Heyne. Der zweiunddreißigjährige Sachse, einst Lehrling bei ›A. Lange & Söhne‹, läßt die Brust seiner Kollegen und Chefs vor Uhrmacherstolz schwellen. »›Nomos‹ ist jetzt erwachsen geworden«, kommentierte Roland Schwertner sichtlich stolz bei der Vorstellung der Uhr im Jahre 2005. Denn seither darf man sich, den ungeschriebenen Gesetzen der Branche folgend, auch als »Manufaktur« bezeichnen.

Glashütte Original
Das ist in diesem Ort in der Sächsischen Schweiz aber nichts Ungewöhnliches. Schließlich ist in Glashütte schon seit mehr als hundertfünfzig Jahren der feine Uhrenbau zu Hause. Assmann, Helwig, Dürrstein – diese Namen lassen die Augen von Uhrensammlern leuchten. Die Geschichte dieser Meister pflegt der ›Glashütter Uhrenbetrieb‹ mit seiner Marke ›Glashütte Original‹. Dort haben die Uhrmacher nie vergessen, was eine hochwertige Glashütter Uhr ausmacht, auch wenn man zu DDR-Zeiten im VEB, im Volkseigenen Betrieb also, einfache Gebrauchsuhren bauen mußte. Im Westen Deutschlands waren diese Uhren damals unter dem Namen ›Meisteranker‹ beim Versandhaus ›Quelle‹ zu bestellen. Von diesen Tickern ist eine heutige Glashütter Uhr ungefähr so weit entfernt wie die sächsische Kleinstadt vom Mond. Davon können sich Interessierte seit einigen Jahren persönlich überzeugen. Denn im Rahmen der kompletten Renovierung und Modernisierung der Manufaktur im Jahre 2004 entstand ein regelrechter Lehrpfad durch den Uhrenbau. Über drei Etagen lernt der Besucher, wie eine Uhr entsteht, und erlebt die Arbeit einer authentischen und kompletten Manufaktur: Vom Werkzeugbau bis hin zur Montage sind alle Arbeitsgänge zu sehen, die ein Zeitmesser von ›Glashütte Original‹ durchläuft.

Zum Beispiel eine Uhr der ›Senator‹-Linie, die man als das »Gesicht des Hauses« bezeichnen darf. Sie präsentiert sich in einem großen, zylindrischen Gehäuse – und sie hat es in sich. Nämlich das erstklassige Automatikwerk ›Kaliber 100‹, das einige uhrentechnische Feinheiten zu bieten hat. Um die Uhr mit einem Zeitnormal abzugleichen, beispielsweise einem Funkwecker, betätigt man einfach den Nullstelldrücker. Damit wird der Sekundenzeiger vom Werk entkoppelt und springt auf Null. Üblicherweise muß man warten, bis der Sekundenzeiger auf Null gelaufen ist, und zieht dann die Krone. Das aber bringe eine unnötige Belastung des Werks mit sich, meinen die Konstrukteure von ›Glashütte Original‹. Die brachten übrigens auch den Mond in ihren Uhren auf Trab. Das Getriebe der Mondphasenanzeige arbeitet denkbar exakt: In hundertzwanzig Jahren geht die Anzeige genau einen Tag nach. Mit diesem Problem müssen sich aber wohl die Enkel des aktuellen Besitzers einer solchen Uhr herumschlagen.
Die Vertreter der Uhrenhersteller schlagen sich zwar nicht, juristisches Finkerhakeln ist aber nichts ganz Ungewöhnliches. Streitpunkt ist meist die Frage, wann eine Uhr den Schriftzug ›Glashütte‹ auf dem Zifferblatt tragen darf. Diese Frage ist nach einem Rechtsstreit zwischen ›Nomos‹ und ›Mühle‹ nun richterlich geklärt. »Mehr als fünfzig Prozent der Wertschöpfung am Uhrwerk muss in Glashütte erfolgen.« So der Richterspruch, dem sich alle unterwerfen (müssen). ›Mühle‹ hat aus der Not längst eine Tugend gemacht und veredelt Schweizer Uhrwerke mit selbst entwickelten und selbst hergestellten Komponenten.

Nautische Instrumente Mühle Glashütte
Auf der Fachmesse ›Baselworld 2008‹ präsentierten die Glashütter neben neun neuen Uhrenmodellen ein weiteres Highlight: die eigene Dreiviertelplatine. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2008 soll diese Platine in den Chronographen von ›Mühle Glashütte‹ unter der eigenen Kaliberbezeichnung ›MU 9408.1‹ zum Einsatz kommen.
Die ursprünglich im Jahre 1864 von Adolph Lange in Glashütte entwickelte Dreiviertelplatine trägt diesen Namen, weil sie etwa drei Viertel des Uhrwerks bedeckt. Federhaus, Kronrad und das gesamte Räderwerk sind darin gelagert. Heute gilt dieses Bauteil als besonderes Kennzeichen für hochwertige Glashütter Uhren. Nach traditioneller Glashütter Art ist die Ankerradbrücke entnehmbar, um die Revision der Uhr zu erleichtern.
Die Dreiviertelplatine von ›Mühle‹ ist mit dem klassischen Glashütter Gesperr ausgestattet, das den Druck auf das Sperrad gering hält und somit die Abnutzungserscheinungen minimiert. »Wir arbeiten stetig an der Aufwertung unserer verwendeten Schweizer Basisuhrwerke. Mit Bauteilen wie der patentierten Spechthalsregulierung, dem Rotor und der Automatikbrücke ist es mit der Dreiviertelplatine nur eine Frage der Zeit, bis wir unser komplett eigenes Uhrwerk bauen«, betont Geschäftsführer Thilo Mühle.
Robert Mühle gründete vor rund hundertvierzig Jahren das erste Unternehmen namens ›Mühle‹, das unter anderem Meßgeräte für die Uhrenhersteller baute. Später entstanden hier Autouhren und Tachometer. Dieser Betrieb wurde 1970 verstaatlicht und floß in den ›VEB Glashütter Uhrenbetrieb‹ ein. Seit 1992 befindet sich das Unternehmen wieder in Familienbesitz.

Zum Kerngeschäft gehören neben den hochwertigen Armbanduhren außerdem Schiffschronometer und hochkomplizierte Schiffsuhrenanlagen, woher auch die Firmierung ›Nautische Instrumente Mühle Glashütte/Sa.‹ herrührt. Damit auf einem Schiff überall dieselbe Zeit angezeigt wird, gibt es nur einen Zeitmesser an Bord: die sogenannte »Mutteruhr«. Sie steuert alle Anzeigen an Bord, die als »Nebenuhren« bezeichnet werden. In den Nebenuhren arbeiten zwei Motoren: Der eine treibt den Minuten-, der andere den Stundenzeiger an. Das gewährleistet höchste Präzision und kurze Einstellzeiten. Bei Uhrenanlagen dieser Art ist ›Mühle‹ Weltmarktführer und unter anderem auf den Kreuzfahrtschiffen ›Aida‹ und ›Columbus‹ sowie den Schiffen der ›Vogelfluglinie‹ vertreten.
A. Lange & Söhne
Die Armbanduhren der Passagiere auf diesen Schiffen stammen nicht selten ebenfalls aus Glashütte, zum Beispiel von ›A. Lange & Söhne‹. Deren Modell ›Lan-ge 1‹ ist jedem Uhrenfreund ein Begriff, wirkte doch die Uhr mit ihrem asymmetrischen Zifferblatt und dem erstmals in einer Armbanduhr präsentierten Großdatum stilbildend und heimste aus diesem Grund zahllose Preise auf der ganzen Welt ein. Sie ist und bleibt, allen komplizierten und meist teureren ›Lange‹-Uhren zum Trotz, das Flaggschiff seit der Wiedergründung des Unternehmens im Jahre 1990. Als Ergänzung und Reverenz an den Zeitgeschmack bauen die Sachsen seit 2003 auch eine ›Große Lange 1‹ mit knapp 42 Millimetern Durchmesser, die in diesem Jahr durch neue Varianten ergänzt wird. Besagte ›Große Lange 1‹ ist in Gelbgold, Rotgold und Platin mit den dazu passenden einfarbigen Zifferblättern aus massivem Silber in den Farbtönen Argenté, Champagne und Rhodié erhältlich.

Bei ›Lange‹ beschäftigt man sich aber derzeit nicht nur mit neuen Uhren, sondern auch mit neuen Betriebsgebäuden. Das Unternehmen hat das Gebäude der ehemaligen ›Glashütter Brauerei‹ erworben, will dort einen zweistelligen Millionenbetrag investieren und neue Arbeitsplätze schaffen. Allerdings, so beschwichtigt ›Lange‹-Pressesprecher Arnd Einhorn die Uhrensammler, werde diese Expansion »kein überdurchschnittliches Mengenwachstum auslösen«. Vielmehr werde die Fertigungstiefe der Manufaktur weiter erhöht und die Entwicklung von komplizierten Uhrwerken forciert. Man darf gespannt sein, was in der neuen Betriebsstätte, die in diesem Jahr ihrer Bestimmung übergeben werden soll, alles entsteht. Immerhin hat ›Lange‹ schon 2004 die gesamte Branche überrascht. Die Sachsen zeigten, daß sie als eines der ganz wenigen Unternehmen in der Lage sind, Unruhspiralen selbst zu fertigen. Eine kleine Sensation. ›Glashütte‹ ist eben immer wieder für Überraschungen gut und wie vor hundert Jahren das Aushängeschild der deutschen Uhrenindustrie.
Wempe Chronometerwerke
Dazu trägt auch die Juwelierkette ›Wempe‹ bei. Das Traditionsunternehmen mit Stammsitz in Hamburg hat die ehemalige Sternwarte von Glashütte erworben und dort eine Uhrmacherwerkstatt eingerichtet. In Kooperation mit ›Nomos‹ bauen die ›Wempe Chronometerwerke‹ dort feinste Armbanduhren in eleganter Tonneau-Form. An der Spitze der Kollektion steht ein Tourbillon, von dem allerdings nur fünfundzwanzig Exemplare gefertigt werden. Neben der Uhrmacherei beherbergt die Sternwarte auch eine Chronometerprüfstelle – Gegenstück zur Chronometerprüfung des unabhängigen Schweizer Prüfinstituts ›C.O.S.C.‹. Unter diesem Aspekt gesehen, erhält der Begriff »Sächsische Schweiz« noch eine ganz neue Dimension.
Text: Martin Häußermann
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