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EIN LEBEN GEHT IN RAUCH AUF

Die meisten kennen es: Wichtige Lebensereignisse werden markiert durch Arien, Rocksongs, sinfonische Klänge. So entsteht eine Art biographischer Soundtrack, den man mit Mixes, früher auf Cassette, heute im iPod, auch selbst zusammenstellt. Mit Cigarren geht es genau so. Der Tabakgenuss ist mehr als ein flüchtiger Momenteindruck. Er steht für ein ganzes Spektrum von Erlebnissen, Leidenschaft, Besinnlichkeit, Freude, ja selbst Kummer. Ich kann es bezeugen.
Unvergessen meine erste Liebesbegegnung mit Havanna. Dreiundzwanzigjährig im armenischen Restaurant zu London. Wir schreiben die Siebziger. Meine schwarzhaarige Schönheit lädt mich nach Biba-Besuch (ja, das jetzt wieder hippe Modelabel, damals Kaufhaus) zum Essen, der gereichte Kaffee wird begleitet durch ein Silbertablett mit verstreuten Tabakwaren. Ich wähle die auffälligste, eine Romeo y Julieta im Tubo, mir damals unbekannt. Was zunächst Angabe, wird mit jedem Zug immer mehr zum Genuss, eine neue Welt entsteht. Die Liebe zur Schönen vergeht, die zur Cigarre wird immer größer.
Weitere Stationen: Das Zittern bei der Landung aus Mexiko in JFK, mit einer illegalen Ladung La Gloria Cubana. Umso größer die Freude beim Rauchen der Konterbande im Palio, dem damals angesagten Sandro-Chia-befreskten Restaurant nahe der 5th, zusammen mit Flirt. Und die Montecristo No.2 mit Franz Keller jun. und Braut am ersten Abend nach dem Heiratstag im Rheingau. Der Rauch hält, die Ehe nicht. Und Liebeskummer gab’s noch mal. Wunderschön im Nachhinein allein im Moskauer Hotel beim Schreiben von Schmerzgedichten. Draußen rieselt der Schnee über lichtfahlen Prospekten, drinnen tröstet nicht wirklich die Rey del Mundo. Und doch nicht zu missen.
Schließlich die Männerrituale. Die cubanische(!) Davidoff Dom Perignon, genossen in der gotischen Aula der Utrechter Universität im Talar des frisch ernannten Professors. Heimlich die Vega Robaina Unico im Charlottenburger Schloss nach dem Gespräch mit Clinton. Er hätte es verstanden. Zum Aufnahmeritual am Kamin des Londoner Reform-Club die Cuaba von James J.Fox um die Ecke. In der Wildnis die durchaus gute Brasil auf wackligem Boot am Amazonas oder doch wieder die cubanische Zigarre im klirrenden Sommer der Antarktis. Und die Eroberung des Jubiläumshumidors 1492 aus Havanna. Zum Spottpreis gekauft in St.Gallen, ein anderer aus der Auflage bei Christie’s später angeboten zum fünfstelligen Pfundbetrag. Eine Anlage in Leidenschaft.
Natürlich kann man auch ohne all das ganz gut leben. So wie man es ohne guten Wein kann, vielleicht sogar schlecht und recht ohne Frau. Oder ohne Mann. Doch wenn ich meine seelische Gesundheit aufrechnen sollte gegen meine körperliche, würde die Bilanz immer zugunsten der Cigarre ausfallen. Zumal mir meine Ärztin noch kürzlich nach fast fünfunddreißigjähriger Purofreude den makellosen leiblichen Zustand attestierte.
Das Leben ist riskant, Beziehungen sind es, Genuss ist es. Erst recht das Glück. Wenn aber Freundschaft und Liebe stimmen, man mit vielen und einem Menschen zusammen ist, die und der Teil des Sinns und Seins geworden sind: Dann ist die gemeinsam genossene Cigarre ein weiterer Höhepunkt der privaten und öffentlichen Kultur. So, wie die Arie von Puccini, der Song von Aimee Mann ausdrücken, was jenseits von Worten und Erklärungen unser Erleben bestimmt.
Ein Leben geht also in Rauch auf. In der anderen Bedeutung des Wortes. Es blüht auf. Mit der Köstlichkeit des Rauches, der für Fantasie steht. Und für die Vergänglichkeit. Sie ist dann wunderbar, wenn das Davor erfüllt war.
Prof. Dr. Jo Groebel ist Direktor des Deutschen Digital Instituts Berlin, war davor u.a. Lehrstuhlinhaber an der Universität Utrecht und lehrte und forschte an den Universitäten Harvard, UCLA, Cambridge und Columbia. An den beiden letztgenannten veröffentlichte er vier seiner insgesamt 30 Fachbücher zu u. a. Medien, Terrorismus und Internet. Daneben beriet er Regierungschefs wie Clinton, Schröder, Merkel, Djindjic und wurde interviewt/zitiert in internationalen Medien wie New York Times, Financial Times London, Spiegel, Le Monde, CNN, BBC, ARD, ZDF, RTL, FAB
Von Jo Groebel
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