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Sie zogen rauchend in den Kampf...

Einige der berühmtesten Revolutionäre waren leidenschaftliche Cigarrenraucher. Das wirft für mich die Frage auf, ob zwischen deren Passion für den kunstvoll gerollten Tabak und ihrem Lebenswerk, der Umwälzung einer Gesellschaft, irgendein Zusammenhang besteht. Oder anders ausgedrückt: Sollte man Cigarren rauchen, um als Revolutionär erfolgreich in die Geschichte einzugehen?
Dies ist eine spannende Frage, auf die es jedoch wahrscheinlich keine eindeutige Antwort gibt. Denn beide Dinge, eine Revolution anzuführen und Cigarren zu rauchen, kann man zwar meinetwegen auch gleichzeitig tun. Doch es besteht kein Zusammenhang zwischen ihnen. Sie haben im Sinne einer gegenseitigen Bedingtheit nichts miteinander zu tun. Oder hörte man schon einmal davon, dass jemand mit vorgehaltener Cigarre zur Kapitulation gezwungen worden wäre?
Echte Aficionados unter den Revolutionären
Es fällt jedoch auf, dass einige der größten Revolutionäre ihrer Leidenschaft für die Cigarre auch in für sie schwierigen Zeiten frönten. Allen voran Che Guevara und Fidel Castro, die, während sie durch die dichten Wälder der Sierra Maestra streiften, offensichtlich permanent rauchten. Wie durch ein Wunder sind diese für die Rebellen harten und gefährlichen Jahre in dem schwer zugänglichen Gebirgszug im Osten Cubas bildlich ausführlich dokumentiert, was man im Museo de la Revolución in Havanna bewundern kann. In puncto Pressearbeit ist diese Revolution ihrer Zeit wahrscheinlich weit voraus gewesen. Während Batista seinen Anhängern immer wieder versicherte, dass es eine revolutionäre Bewegung auf Cuba gar nicht gäbe, stellten Castro und Che ihre Existenz mehrfach eindrucksvoll unter Beweis. Man denke nur an den damals erschienenen Artikel in der New York Times oder die Entführung des argentinischen Rennfahrers Juan Manuel Fangio, der nach seiner Freilassung seine Tage mit den Rebellen vor der gesamten Weltpresse anschaulich schilderte. Aber das nur am Rande.
Interessant wäre es vielleicht zu wissen, ob Fidel Castro schon damals eine bestimmte Cigarre bevorzugte. Che jedenfalls ließ in jedem ihrer Lager eine kleine provisorische Tabakfabrik einrichten.
Auch Lenin, mit bürgerlichem Namen Wladimir Iljitsch Uljanow, zählt zu den großen Revolutionären unserer Zeit. Er gehörte, was allgemein weniger bekannt ist, dem erblichen Adel an. Sein Vater, einstmals Mathematik- und Physiklehrer an höheren Schulen, später Direktor für Volksschuleinrichtungen in Simbirsk, war 1882 kraft seines Amtes in diesen Stand erhoben worden. Eine erfolgreiche Entwicklung wenn man bedenkt, dass Lenins Großvater väterlicherseits noch ein aus der Leibeigenschaft befreiter Bauer war.
Lenin jedenfalls liebte Cigarren. Vor dem Beginn der Oktoberrevolution im Jahr 1917 – das Signal zum Aufstand kam vom legendären Panzerkreuzer Aurora – lebte Lenin wegen politischer Verfolgung viele Jahre im Exil, vor allem in der Schweiz, in Zürich und Genf. In Genf kaufte er seine Cigarren immer im Geschäft von Davidoff auf der Rue de Rive. Die Familie Davidoff war 1911 wegen judenfeindlicher Pogrome aus der Ukraine in die Schweiz ausgewandert. Das Tabakgeschäft galt viele Jahre als beliebter Treffpunkt der russischen Gemeinde in Genf. Lenin ließ bei Zino Davidoffs Vater, der damals noch das Geschäft führte, anschreiben und versprach jedes Mal, seine Cigarren später zu bezahlen. Das allerdings tat er nie, denn er hatte wohl Wichtigeres zu tun.
Karl Marx, einerseits einer der großen Theoretiker revolutionärer Bewegungen, andererseits aber auch aktiv in der Arbeiterbewegung tätig, war ebenfalls leidenschaftlicher Raucher. Sein Leben wäre wahrscheinlich ruhiger und in finanziell gut gesicherten Bahnen verlaufen, hätte ihm nicht seine Verbindung zu den oppositionellen Linkshegelianern, er galt als einer der führenden Köpfe dieser Bewegung, Anfang der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts seinen Karriereplänen massiv geschadet. Man verweigerte Marx eine Professorenstelle an der Universität Bonn, auf die er fest gerechnet hatte.
So musste Marx auf anderem Wege seinen und den Unterhalt seiner Familie bestreiten, was ihm oftmals nicht ohne die Hilfe seines Freundes Friedrich Engels gelang.
Marx rauchte leidenschaftlich gern Cigarren. An der Verfassung seines Hauptwerkes, des Kapitals, ein gewaltiges Werk, arbeitete Marx über Jahrzehnte hinweg. Währenddessen rauchte er so viel, dass er einmal meinte, Das Kapital werde ihm bei weitem nicht so viel einbringen, wie ihn die Cigarren gekostet hätten, die er in all den Jahren des Schreibens rauchte.
Auch Marx’ treuer Freund und Lebensbegleiter Friedrich Engels frönte der Rauchlust. Als Sohn eines erfolgreichen preußischen Textilfabrikanten war er ein luxuriöses Leben gewöhnt. Ein wenig Ironie steckt schon in der Tatsache, dass Friedrich Engels sein Auskommen und über viele Jahre hinweg auch das Auskommen für Karl Marx und dessen Familie aus dem Vermögen und dem Erbe seines Vaters bestritt. Denn dieses Geld entstammte einer jener Quellen, die Marx und Engels als das Übel gegenwärtiger Gesellschaften ausgemacht hatten: der Ausbeutung des Proletariats durch die Fabrikbesitzer. Ihrer Theorie zufolge führten die bestehenden Verhältnisse irgendwann zu einer revolutionären Bewegung oder zum Untergang des Systems. Zu ihrem Glück, muss man schon sagen, änderten sich die Besitzverhältnisse jedoch nicht, weshalb Engels und auch Marx von dem Geld einigermaßen auskömmlich lebten. Trotzdem musste Karl Marx Zeit seines Lebens jeden Penny eher zweimal umdrehen. Er rauchte aus finanzieller Not wohl ausnahmslos billiges Kraut. Einmal stellte er bei einem Stadtbummel durch London fest, dass es noch günstigere Cigarren gab als die, die er bisher rauchte. Sogleich errechnete er, wie viel er beim Genuss des preiswerteren Produktes sparen könne. Doch eigentlich stand ihm der Sinn nach Besserem. Mit einigen seiner Kampfgenossen lag er tagelang im Streit, weil sie ihm eine minderwertige Cigarre als echte Havanna untergejubelt hatten
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Ein Auf und Ab – die Cigarre als Symbol
Doch schließen wir noch ein paar allgemeine Überlegungen zum Thema Cigarre und Revolution an. Denn obwohl der Genuss von Cigarren den Verlauf einer Revolution weder positiv noch negativ beeinflusst, ist trotzdem selbiger nicht ganz ohne Wirkung, sei es auf den Aficionado oder seine Umgebung.
Eine Cigarre diente und dient immer auch als Symbol. In Frankreich beispielsweise, einem Land, in dem im 18. Jahrhundert der Kampf gegen die Monarchie und für die Ideen der Aufklärung begann, spielte die Cigarre eine nicht unbedeutende Rolle. Sie wurde zum Zugehörigkeitssymbol des aufstrebenden Bürgertums. Während der Adel Schnupftabak bevorzugte, rauchten die Bürgerlichen das edle Kraut, auch, um sich demonstrativ von den Anhängern überkommener, alter Machtstrukturen abzusetzen. In Deutschland beispielsweise wurde erst im Zuge der Märzrevolution 1848 das öffentliche Rauchen allgemein erlaubt. Vorher frönte man diesem Vergnügen innerhalb von Stadtgrenzen nur in privaten Räumen. Nicht vergessen sollten wir auch die Bedeutung bürgerlicher Rauchsalons für die Entwicklung der deutschen Demokratie.
Interessanterweise werden heutzutage die Cigarre und auch deren Konsument, jedenfalls in Film und Fernsehen, beinahe durchweg negativ dargestellt.
Dafür können wir uns jeden x-beliebigen Film anschauen, in dem einer der Protagonisten eine Cigarre raucht, Trickfilme nicht ausgenommen. Der mit der Cigarre im Mund ist mit großer Sicherheit der Bösewicht. Sei es nun der Auftragskiller, ein egoistischer Industrieboss oder eine Unterweltgröße. Und damit sind nicht die kleinen Ganoven gemeint, die aufgrund widriger Umstände in die Kriminalität gezwungen wurden. Cigarrenraucher im Film sind schlechte Menschen durch und durch, sie handeln in böser Absicht. Moralische Verwerflichkeit ist einer der bestimmenden Charakterzüge dieser Personen. Bei einem derart negativen Image, das die Cigarre in solchen Darstellungen hat, sollte man doch, so wäre die logische Schlussfolgerung, niemals zu einer solchen greifen, wenn man die Sympathien vieler anderer Menschen erlangen will.
Wenn man es jedoch schafft, trotz einer Cigarre in der Hand, einen sympathischen Eindruck bei anderen Menschen zu hinterlassen, kann solch eine Cigarre eine klare Signalwirkung besitzen. Man hebt sich nämlich durch den, mitunter auch demonstrativen, Genuss einer solchen von den anderen ab. Während die große Masse durchweg zur Zigarette greift, hastig und schnell eine pafft, verkündet mit Ruhe und Gelassenheit derjenige mit der Cigarre: Ich bin der Chef! Die Cigarre demonstriert Macht, Einfluss, Würde und damit einen höheren Rang. Gleich einer Schafherde folgt die Masse dann, wenn man es einmal so ausdrücken möchte, dem Leithammel.
Praktische Cigarren
Von all diesen Überlegungen einmal abgesehen, ist der praktische Nutzen einer Cigarre natürlich nicht zu unterschätzen. Unter den Deckblättern von Cigarren lassen sich beispielsweise sehr gut geheime Botschaften verstecken. So rollte José Martí 1895 seine Aufforderung an das cubanische Volk, sich gegen die spanische Kolonialherrschaft zu wehren, unter die Deckblätter von Cigarren. José Martí ist gerade im lateinamerikanischen Raum bis heute eine Symbolfigur für Freiheit und Unabhängigkeit. Ihm schwebte ein neues Cuba mit sozialer Gerechtigkeit und politischer Unabhängigkeit vor. Aus dem Exil organisierte er den Kampf gegen die Spanier, schaffte es aufgrund seines diplomatischen Geschicks, die rebellischen Gruppen zu vereinen und verfasste zahlreiche revolutionäre Schriften, darunter auch Gedichtbände. Doch Martí, ein Mann des Wortes und tief in seinem Herzen mehr Poet und erfolgreicher Diplomat als kämpfender Soldat, fiel bei Kämpfen in der Provinz Oriente, kurz nachdem er 1895 nach Cuba zurückgekehrt war.
Otto Graf von Bismarck schätzte am Cigarrenrauchen die dadurch gewonnene Zeit zum Nachdenken. Er meinte nämlich, es gäbe keinen besseren Vorwand als das Rauchen, um bei schwierigen Unterhandlungen Zeit zum Überlegen zu gewinnen. Er war zwar kein Revolutionär, jedenfalls nicht im klassischen Sinne, trotzdem aber als erster Reichskanzler des deutschen Kaiserreiches ein bedeutender Staatsmann, der zu wesentlichen Veränderungen beitrug. Er sagte einmal, dass man immer erst eine Cigarre rauchen solle, ehe man die Welt umdreht. Dementsprechend hatte er eine Cigarre in der Hand, als er gemeinsam mit dem französischen Außenminister Jules Favre den Frieden nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 aushandelte.
Zeit zum Überlegen braucht man gerade in brenzligen Situationen. Das soll Che Guevara in einem Moment ganz besonders bewusst geworden sein. Nach ihrer Überfahrt von Mexiko nach Cuba auf der heute legendären Yacht Granma und ihrer mehr oder weniger missglückten Landung auf der Insel war die Truppe der Revolutionäre stark dezimiert. Von ursprünglich 82 waren wohl nur noch weniger als 20 am Leben. Noch dazu wurden sie ständig von Batistas Armee angegriffen. Eine schwierige Situation, die beinahe ausweglos schien und Zeit und Ruhe erforderte, um über das weitere Vorgehen nachzudenken. In diesem Moment soll Che die erste Cigarre seines Lebens geraucht haben. Und er stellte fest, dass es die Nerven ungemein beruhigte und, als angenehmer Nebeneffekt, die lästigen Mücken vertrieb.
Eine Anekdote noch zum Schluss. Die 68er-Bewegung, deren Aktivitäten Auslöser für weitreichende gesellschaftliche Veränderungen waren und die Abschaffung vieler überkommener Vorstellungen zur Folge hatte, schadete dem Ansehen der Cigarre wohl eher. War sie doch auch immer ein Symbol des herrschenden Establishments, welches es zu bekämpfen galt. Aber nicht selten wird Wasser gepredigt und Wein getrunken. Als Studenten am 27. Mai 1968 die Frankfurter Universität stürmten, eroberten sie das Rektorat, besetzten es und erklärten es zur Aktionszentrale des sozialistischen Studentenbundes. Dann machten sie sich über die Cigarrenvorräte des Rektors her. Zwei Hundertschaften der Polizei stürmten am nächsten Tag die Räume, einige der Studenten wurden festgenommen. Von den Cigarren war nichts mehr übrig.
Doch werfen wir noch einmal einen Blick auf die eingangs gestellte Frage, ob ein Cigarre rauchender Revolutionär erfolgreicher ist als ein Nichtraucher. Diese Frage können wir ohne aufwendige empirische Untersuchungen nicht beantworten. Doch ob nun erfolgreicher oder nicht, beim Genuss einer Cigarre ist ein Aficionado auf jeden Fall ein zufriedener Mensch. Was will man mehr?!
Von Maria Primo
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