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Der Baron wider Willen
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
(Wilhelm Tell)
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So lässt es Friedrich Schiller seinen Tell ausrufen. Dort oben auf der Wiese über dem Vierwaldstättersee. Keine Rede von einem Baron. Und doch gibt es inmitten der Berge einen Baron. Diesen Titel bekam er ausgerechnet im (noch) sozialistischen Cuba. Dort wird Heinrich Villiger verehrt wie einst die großen Cigarrenbarone. Seit fast sechs Jahrzehnten ist er nun dem braunen Gold verfallen.

Wir sitzen in einem kleinen, so gut wie schmucklosen Raum im badischen Tiengen. Lediglich in einer Vitrine sind einige Villiger 1888 aufgestapelt, an den Wänden künden ein paar alte Cigarrenverpackungen von der Historie des Ortes. Nachdem Jean Villiger im Jahre 1888 im schweizerischen Pfeffikon den Grundstein für das Unternehmen Villiger gelegt hatte, siedelte seine Ehefrau 1910 (sie war inzwischen Witwe) das deutsche Tochterunternehmen in Tiengen an. Nun sitze ich hier mit Heinrich Villiger, wir rauchen eine Cohiba.
Im vergangenen Jahr feierte Ihr Familienunternehmen den 120. Geburtstag. Sie werden im kommenden Jahr 80 Jahre alt. Hätten Sie mit 15, 16, 17 gedacht, dass Sie heute da sind, wo Sie sind?
Jaein, wahrscheinlich aber doch. Ich bin in dieser Cigarrenfamilie aufgewachsen. Gegründet von meinem Großvater, weitergeführt von meinem Vater und meinem Onkel, am Familientisch gab es eigentlich immer nur ein Thema – das Geschäft.
Gab es wirklich nie den Geist von Rebellion in Ihnen, etwas anderes zu machen, als im Familienunternehmen zu bleiben?
Na gut, es gibt die Träume von Lokomotivführer oder so, wie manche Jungen sie haben. Bei mir war aber wirklich vorgezeichnet, dass ich mal in die Fußstapfen meines Vaters trete. Lediglich eine kurze Zeit lang wäre ich vielleicht gern Journalist geworden. Aber dann hieß es von zu Hause »marsch, marsch«, und ich musste in die Firma einsteigen.
Können Sie sich noch an Ihre erste Cigarre erinnern?
Nein, nein. Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Da wollten wir Kinder natürlich rauchen. Es gab an den Bahnhöfen in der Schweiz Zigarettenautomaten mit Dreierpackungen. Für ein paar Pfennige haben wir uns die geholt. Mit der Cigarre ist es anders. Die Schweiz war ja ein Stumpenland. Der entstand übrigens aus Produktivitätsgründen. Man machte einfach die Cigarre etwas länger und schnitt sie dann in der Mitte durch. So hatte man mit der Arbeit für eine Cigarre gleich zwei. Das war ganz praktisch. Also war meine erste Cigarre so etwa mit 20 ein Stumpen.
Stumpen waren ja der Anfang im Hause Villiger, später kamen Cigarillos hinzu und bilden heute noch so etwas wie das Brot-und-Butter-Geschäft des Unternehmens. Wie sind Sie dann dem Cubafeeling erlegen?
Das war eigentlich eine ganz simple Geschichte. Kurz nach der Revolution 1959 kamen zwei junge Cubaner in unser Stammhaus in Pfeffikon. Sie hatten große Kartons mit Tabak dabei und wollten diese zeigen. Denn durch das Embargo der USA fehlte den Cubanern ein Absatzmarkt. So begannen wir, Tabak aus Cuba in unseren Produkten zu verarbeiten. Später luden uns die Cubaner ein, direkt zu ihnen zum Einkaufen zu kommen. So bin ich dann fast jährlich rübergeflogen und habe containerweise Tabak gekauft. Aber das war alles noch für unsere Stumpenproduktion. Später gab es ja Markenstreitigkeiten mit cubanischen Marken, weil einige Markeninhaber Cuba verlassen hatten. In den USA sind die Markenrechte an die Eigentümer gegangen, in Europa wurden sie Cuba zugesprochen. Es gab zum Beispiel einen heftigen Streit um Montecristo. Ich bekam jedoch die Möglichkeit einige Marken, die nach mehreren Prozessen frei wurden, in Lizenz zu produzieren.
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Nachdem der cubanische Staat die Cigarrenproduktion und auch den Vertrieb übernommen hatte, musste etwas geändert werden. Bis dahin hatte sich jede Marke mehr oder weniger selbst vermarktet und für ihren Export gesorgt. Es gab entsprechend viele Cuba-Importeure in Europa. Diese wurden also zu einem Treffen am Flughafen Zürich geladen. Die Cubaner erklärten den Importeuren, dass sie nicht länger nur die armen Tabakbauern sein wollten, sondern auch am Gewinn der Importeure beteiligt werden wollten. Es war der Wunsch der Cubaner, in jedem Land nur noch einen Importeur zu haben und sich daran mit 50 % zu beteiligen. Die Frage stand also im Raum: »Wer macht mit?« Es fand sich niemand. Alle pochten auf ihre Tradition und darauf, dass sie schon seit Generationen Importeure seien. Es war ein sehr turbulentes Treffen. So kamen die Cubaner danach zu mir und fragten mich. Ich habe ja gesagt.
Waren Sie also so etwas wie der Notnagel?
Im Prinzip schon. Und ich bin danach natürlich von vielen der Importeure als Verräter beschimpft worden.
Wann war das?
1989.
Woher kam der Name 5th Avenue?
Das war die Zeit, als die Cigarre gerade ihr Opa-Image hatte. Viele Billigmarken gingen ein. Aber es schwappte dann ein wenig das Image der besseren Cigarren, vor allem aus den USA, herüber. Wir wollten also vom Arme-Leute-Image weg und wollten die Cigarre als Genussartikel etablieren. Und die 5th Avenue in New York ist eben ein Synonym für luxuriösen Einkauf.
Wäre all das eigentlich auch ohne die Revolution möglich gewesen?
Nein, natürlich nicht. Die cubanische Revolution hat uns schon sehr geholfen. Deshalb bin ich auch irgendwie ein Bruder Castros.
Nun sieht es ja so aus, als neige sich die Castro-Zeit dem Ende zu. Sicherlich wird mittelfristig das Embargo fallen. Haben Sie Angst um Ihre Monopolstellung in Deutschland und der Schweiz, was die cubanische Cigarre betrifft?
Ach, es stimmt doch schon mal gar nicht, dass wir Monopolist sind. In der Schweiz haben wir einen starken Parallelmarkt im Duty-free-Geschäft. Und es gibt ja sowieso im Geschäftsleben keine Sicherheit über mehrere Generationen. Es ist doch jetzt schon so, dass in den USA viele Havannas geraucht werden. Übrigens, viele davon kommen aus der Schweiz. Wenn man den Pro-Kopf-Verbrauch in der Schweiz rechnet – das geht fast gar nicht. Viele Händler verschicken per Paket und senden die Cigarrenringe per Post hinterher. Es gab mal eine Anfrage aus den USA bei der Schweizer Regierung, ob es in der Schweiz eigentlich eine Cigarrenindustrie gäbe. Denn es würde in den USA auffallen, dass viele Cigarren aus der Schweiz eingeführt würden. Aber eine wirkliche Deutung, was passiert, wenn … ist sehr schwierig.
Befürchten Sie nicht, dass nach einer Öffnung des Marktes und einer vermutlich damit verbundenen größeren Nachfrage die Qualität der Havannas leiden könnte, weil dann einfach Masse gemacht wird?
Nein, das glaube ich nicht. Da ist genügend Potential vorhanden. Und ich glaube auch nicht, dass plötzlich so viel mehr US-Amerikaner Havannas rauchen werden. Schon weil der Preis viel höher wäre und weil die amerikanischen Cigarren mit den cubanischen Markennamen vom Geschmack her auch viel leichter sind.
Aber es gab in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts heftige Qualitätsprobleme mit dem cubanischen Tabak?
Ja, das stimmt. Es gab ein Problem mit Blauschimmel, und die Cubaner haben Havanna 2000 entwickelt. Einen Samen, der resistent gegen den Schimmel war. Aber er brannte sehr schlecht. Das Problem wurde jedoch gelöst.
Was macht für Sie eigentlich das Besondere des Cubatabaks aus? Denn es sind ja viele Cubaner nach der Revolution gegangen und haben ihr Wissen und ihre Samen mitgenommen?
Da müssen wir unterscheiden. Einmal Anbau und einmal Fertigung. Es stimmt schon, dass es oft Probleme mit zu fest gerollten Havannas gibt. Da ist das Know-how beispielsweise in der Dominikanischen Republik teilweise besser. Aber der Tabak. Es ist wie beim Wein. Es kommt auf die Lagen an. Die Lagen sind eben auf Cuba die besten, auch wenn die Dominikaner sagen, sie seien nur eine Paddelbootstrecke von Cuba entfernt.
Zu einem anderen Thema. Sie haben sich ein wenig in den Ruhestand begeben und die Aufsicht über Ihre Firmen an Ihre Tochter weitergegeben. Sie ist Ärztin. Passt das? Das ist doch angesichts der Nichtraucherdebatten eine ziemliche Provokation?
Ja, das stimmt schon. Sie hat auch gesagt, wenn es eine Zigarettenfabrik wäre, hätte sie es nicht gemacht. Aber die Cigarre sieht auch sie als Genuss und nicht als Gefährdung. Ich rauche seit 60 Jahren. Ich frage mich schon, wo das Ende der Fahnenstange bei all den Verbotsdiskussionen ist.
Sie sind Jäger. Was macht den Reiz aus?
Ach, eigentlich ist es vor allem, nach einem Tag im Büro, ein paar Stunden an der frischen Luft zu sein.
Ihr größter Erfolg?
Ein Damhirsch in Schweden, der einer der Größten war, der jemals in Schweden geschossen wurde. Aber auch in Botswana oder Malawi hatte ich tolle Jagderlebnisse.
Gibt es jetzt nach so langer Zeit im Cigarrengeschäft etwas, das Sie anders gemacht hätten?
Manchmal habe ich schon überlegt, wo würde ich als Unternehmer heute in einer anderen Branche stehen? Aber genauso gut könnte man in eine Glaskugel schauen. Ich glaube, ich bin schon für diesen Lebensweg genau richtig gewesen.
Hatten Sie jemals Lust, wie Ihr Bruder in die Politik zu gehen?
Nein, ein Politiker in der Familie reicht.
Gibt es noch Ziele?
Ja, natürlich. Ich möchte das Unternehmen fit für die Zukunft machen.
Apropos Zukunft. Wie sehen Sie die Zukunft des Rauchens?
Ich glaube, dass das Pendel der Verbote wieder zurückschlagen wird und es wieder mehr Orte, wie zum Beispiel unsere Lounges, für den Rauchgenuss geben wird.

Gut zwei Stunden dauert unser Gespräch. Ich schaffe eine Cigarre und einige Cigarillos in dieser Zeit. Heinrich Villiger spielt immer noch mit seiner fast ungerauchten Cohiba. Zu viel hat er noch zu erzählen. Etwa, dass er sich gerade ein neues Motorrad gekauft hat. Darauf fühlt er sich frei. Motorrad mit 79! Muss man sich angesichts von so viel Agilität Sorgen um die Zukunft des Villiger-Imperiums machen… w

Von Honza Klein

 
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