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Betrachtungen zum perfekten Genussmoment

Von den vielen Genussarten, denen wir uns hingeben können, ist das Eintauchen in die Welt der Cigarre sicher eine der faszinierendsten. Kein Wunder also, wenn in diesem Zusammenhang bisweilen von einem Aficionado die Rede ist, einem leidenschaftlichen Kenner und Genießer des braunen Goldes. In ihm verbirgt sich nicht nur der Connaisseur, sondern auch ein Dégustateur, da neben dem sinnlich-besinnlichen Genussprozess des Cigarrenrauchens die Neugierde eines „Taste-Hunters“ auf alle Vielschichtigkeiten, Nuancen und feinste Geschmacksfacetten seines Puros von höchster Bedeutung für einen ganzheitlichen Genuss ist. Der Aficionado läuft keine Gefahr, dass seine Genusserwartung beim Smoke nicht befriedigt wird, da er für alle Teilbereiche, die seine Cigarrenleidenschaft betreffen, das erforderliche Know-how, die gebotene Umsicht und die nötige Sensibilität und Neugier mitbringt.
Genuss ist etwas Individuelles, meinen Sie?
Ich stimme Ihnen zu. Austern, Kalbsbries oder Froschschenkel sind nicht jedermanns Geschmack.
Auch den in Schweden so hoch geschätzten »Surströmming«, eine übel riechende, gegorene Fischspezialität, halten einige für ein kulinarisches Desaster. Aber nicht nur was, sondern auch wie, wo, mit wem und wann genossen wird, bestimmt den individuellen Lustgewinn beim Genießen, steigert oder schmälert ihn. Und doch gibt es im Allgemeinen auch wenig umstrittene Thesen zum Thema Genuss. Oder beginnen Sie Ihren Tag mit Hirschrücken oder einer Bouillabaisse und beenden ihn mit einem weich gekochten Ei?
Daraus dürfen wir schließen, dass die richtige Reihenfolge für den Genuss grundsätzlich nicht unerheblich ist. Machen wir dazu einen Abstecher in die Sternegastronomie.
Hier kreiert der Virtuose sein Menü ebenfalls unter dem Gesichtspunkt der angereicherten Wahrnehmung. Begonnen wird mit den Amuse-Gueules, kleine vorbereitende Appetizer, die dem Gaumen mit feinen Tönen erste Wahrnehmungsräume eröffnen. Diese werden vertieft durch die folgenden Amuse-Bouches, ebenfalls noch zurückhaltend zart. Nach gelungener Ouvertüre folgt der erste Satz mit einer Komposition von allerlei Früchten des Meeres, begleitet von leichten Espumas und Schäumen. Zwischen den Gängen setzt der Maitre erfrischende Sorbets als Stimulanzien ein. Danach wird Geflügel kredenzt und erst zu den Hauptgängen begeistert man uns mit geschmacklich markantem Wild, Jus und kräftigen Gewürzen. Das Finale bilden lieblich-intensive Dessertkreationen und Petit Fours. Diese Abläufe würden sich in umgekehrter Reihenfolge als wenig sinnvoll erweisen, bliebe doch dem erwartungsvollen Gourmet das geschmackliche Crescendo versagt. Abgesehen von dem auf das jeweilige Genussprodukt bezogenen individuellen Qualitätsanspruch wünscht sich der Connaisseur, je nachdem welcher Art von Genuss er frönt, den passenden Ort, an dem er sich wohlfühlt und einen oder auch keinen Menschen, mit dem er sein Genusserlebnis teilen möchte oder auch nicht. Hierbei spielt natürlich auch die Tageszeit eine entscheidende Rolle.
Es ist früher Vormittag in Havannas Miramar District.
Fernando Ramirez sitzt in seiner noch menschenleeren Bar und zieht genüsslich an seinem Puro, vor ihm auf dem kleinen abgewetzten Holztisch ein Café con leche und die El Habanero.
Diese Szene mag gewöhnungsbedürftig erscheinen, wird der Cigarre im Allgemeinen ein recht schmaler Zeitraum des Genießens eingeräumt, meist nach dem Dinner, in Gesellschaft, ein gesellig inspirierter Smoke, oder aber einsam, als Relaxans, als Resümee des vorangegangenen Tages. Doch auch wenn der Genuss einer vormittäglichen Cigarre häufig noch ein Imaginationsproblem darstellt, finden wir dennoch Parallelen zu einer anderen Genusswelt, der des Weines. Auch das Glas Wein erfüllt zumeist die ein geselliges Ereignis begleitende Funktion, wird es doch ebenfalls meist abends und nach eingangs erwähnten Mustern konsumiert. Ihre Tastings, bei denen die Sommeliers in einem ergebnisorientierten Prozess versuchen den Wein zu entschlüsseln, finden aber aus gutem Grunde vormittags statt. Da sich unser Körper nach der Nachtruhe sozusagen im Reset-Zustand befindet, ist unsere sinnliche Wahrnehmung noch unvorbelastet, wir sind sensorisch höchst aufnahmefähig und empfindsam. Dies ist für den Genuss einer Cigarre in besonderem Maße von Bedeutung, um sie in all ihrer Komplexität und mit dem ihr eigenen höchsten Aromaspektrum aller Genussprodukte wahrzunehmen und erleben zu können. Den Ausklang des Tages mit dem Genuss einer Cigarre zu beschließen, gehört zwar zu den angenehmsten Momenten, findet der klassisch orientierte Connaisseur im abendlichen Smoke eine Art Abschlussprozess, einen reflexiven, resümierenden und entstressenden Genuss, der, wie bereits Evelyn Waugh treffend formulierte, »selbst den sinnlosesten und unglücklichsten Tag sinnvoll verbracht erscheinen lässt«. Für »unseren Mann in Havanna« aber bedeutet der Genuss seiner Cigarre in den Stunden zwischen Morgen und Mittag nicht nur ein intensiveres, ganzheitliches Erlebnis, bei dem die Cigarre ihrer Rolle als Hauptakteurin voll gerecht werden kann, sondern er ermöglicht ihm darüber hinaus eine gelassenere Begegnung mit den auf ihn zukommenden Geschehnissen des Tages. In diesem Sinne stellt der vormittägliche Cigarrengenuss, dessen unvergleichliche Empfindungsqualität durch kognitive und reflektierende Elemente gesteigert bzw. bereichert wird, das sensorisch situative Optimum dar.
Durch diese sublimierte Genussqualität sind wir ihm ganz nahe, dem perfekten Genussmoment...
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