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Moderne Geschichte – das Dolder Grand Hotel
Der Berliner Reichstag und ein Grandhotel. Was mögen diese beiden miteinander zu tun haben? Am Rande Zürichs mit Ausblick auf die Stadt und den See findet sich die Antwort.



Es waren die Jahre des Aufbruchs in Europa. Das 19. Jahrhundert neigte sich dem Ende zu, überall wurde neu gestaltet, die Architektur war opulent, die Demokratien entwickelten sich. In der Schweiz entstand 1848 der Bundesstaat, in Deutschland 1871 das Kaiserreich, errichtet mit neuem Parlamentssitz in Berlin. Dafür baute der Architekt Paul Wallot in den Jahren 1884 bis 1894 das Reichstagsgebäude. Fünf Jahre später stellte sein Kollege Jacques Gros auf dem Dolder über dem Zürichsee das Dolder Grand Hotel & Curhaus fertig. Begegnet sind sich die beiden Architekten vermutlich nie und doch sind sie Teil einer Geschichte. Verbunden durch: Sir Norman Foster.
Dieser gestaltete von 2004 bis 2008 den Berliner Reichstag um, und nachdem der Schweizer Devisenhändler, Urs E. Schwarzenbach, 2001 die Aktienmehrheit des Dolder Grand übernommen hatte, beauftragte auch er den englischen Baumeister, sein Hotel in die heutige Zeit zu transformieren. Gut 440 Millionen Franken gab er dafür aus. Ebenso wie beim Reichstag dauerte das vier Jahre – 2004 bis 2008. Wer heute in den Reichstag oder das Dolder Grand kommt, wird sich an den jeweils anderen Bau erinnert fühlen. Viel Glas, viel Luft, klare Linien, und doch ist immer die historische Substanz zu erkennen.
Schon die Anfahrt auf den Berg, oder soll man angesichts der sonstigen schweizerischen Dimensionen lieber Hügel sagen – man befindet sich ja nur in 593 Metern Höhe –, ist ein Erlebnis. Durch die schmalen Straßen eines Villenviertels geht es hinauf zum Dolder. »Noch vor wenigen Jahren war hier oben fast alles Wiese«, erzählt der Taxifahrer und lächelt dann etwas verschmitzt. »Damals hätte man hier ein Stück Land kaufen sollen.« Heute zählt die Gegend zu den gefragtesten der Finanzmetropole. Genau der richtige Ort also für eines der besten Hotels der Welt. Eben noch flanierte man über die Bahnhofstraße, hat die Auslagen der unzähligen Juweliere betrachtet, hat sich in einem der Cigarrengeschäfte, wovon es rings um die Bahnhofstraße einige gibt, mit seinen Lieblingscigarren eingedeckt, und kaum zehn Minuten Fahrt später ist man umgeben von Wald in einer anderen Welt. Die Zeit steht ein wenig, was angesichts der schweizerischen Uhrentradition fast als Sakrileg anmutet. Der Concierge öffnet die Tür des Wagens, und der erste Weg führt nicht in Richtung Hotel. Man wendet sich ab und eingedenk der baldigen Ostertage kommen mir Goethes Zeilen, »Kehre dich um, von diesen Höhen, nach der Stadt zurück zu sehen!«, aus seinem faustschen Osterspaziergang in den Sinn. »Im Tale grünet Hoffnungsglück.« Doch nicht nur dort. Hinein geht’s in die denkmalgeschützte Halle des Traditionshauses. Der Blick geht vorbei an zwei romantischen Landschaften des französischen Malers Jean Joseph Vernet, die an Caspar David Friedrich erinnern, vier Marmorsäulen bilden ein Quadrat, die original wieder erstandene Treppe mit ihrem alten Geländer weist den Weg nach oben. Ganz so, wie es in den Anfangsjahren des Hotels war. All dies hat Foster in ein Konzept der Moderne eingebaut. Ohne dabei zu historisieren. So ist auch die Ausstattung der Zimmer im Originaltrakt des Hauses ein Mix aus klassischem Grandhotel und modernem Lifestyle. Schade nur, dass vermutlich nur wenige Gäste die vier wunderbaren Suiten zu Gesicht bekommen werden. Sie wurden Herbert von Karajan, dem Schweizer Künstler Alberto Giacometti, der Schauspielerin Giulietta Masina und den Rolling Stones gewidmet und entsprechend ausgestaltet. Zwischen 5 200 und 14 000 Schweizer Franken kostet die Übernachtung. Aber vielleicht schließt Ihnen ein freundlicher Hotelmitarbeiter einmal die Tür für eine Besichtigung auf. Einziges Problem dabei – man möchte nicht mehr hinaus. Besonders beeindruckend – die Carezza Suite mit einem Entree, bei dem man über versteinerte Bäume geht. Und natürlich die Maestro Suite mit ihrem Turmzimmer und der – und das obwohl wie schon erwähnt das gesamte Hotel einen grandiosen Ausblick bietet – alles übertreffenden Terrasse. Die Sprache der Gäste dieser Suiten ist übrigens meistens Arabisch oder Russisch, wie mir eine Hotelmitarbeiterin verrät. Die Zimmer im Neubau, der sich wie ein Bogen um die historische Anlage zieht, bestechen durch Klarheit, viel Raum und modernste Technik, ohne kalt zu wirken. Riesige Fensterflächen geben den Blick auf die Stadt und den See frei. Doch ach – was nützen die schönsten Zimmer, die perfekte Technik, die goldenen Wasserhähne und sonstiger Schnickschnack, wenn der Service nicht stimmt. Noch wichtiger als jede Anzahl von Sternen sind die Mitarbeiter. Hier hat der Personalchef gut gearbeitet. Aus den besten Häusern der Welt hat er seine Crew zusammengestellt, was sich auch darin dokumentiert, dass innerhalb dieses ersten Jahres nach Neueröffnung das Dolder in vielen der Hotel-Ranking-Listen einen vorderen Platz eroberte. Und schon wieder findet sich eine Verbindung in die deutsche Hauptstadt. Fine Dining Chef Heiko Nieder kochte einst im Vau, einem der Gourmettempel an der Spree. Am Zürichsee schaffte es Nieder bereits 2008, also im ersten Jahr nach der Wiedereröffnung des Dolder Grand, 17 Gault-Millau-Punkte und einen Michelin-Stern zu erringen. Sein The Restaurant bietet entsprechendes. Das Garden Restaurant, das ein wenig an das Reichstagsrestaurant erinnert, offeriert eher die klassische Bistroküche und dient zugleich dem Frühstück – übrigens à la carte serviert mit einem Lächeln der freundlichen Servicedame Sarah on top. In Nieders Refugium ist ein Blick nach oben angesagt. Eine alte Kassettendecke mit Spielmotiven verrät die frühere Bestimmung des Raumes. Ebenso verhält es sich bei der Lobbybar, deren Decke Motive der Kulinarik abbildet. Die Decken wurden erst bei dem Umbau wiederentdeckt und waren zuvor zugebaut. Damit scheinen die Schweizer Erfahrung zu haben, kam doch auch beim Umbau der schweizerischen Botschaft in Berlin eine der vielleicht schönsten Kassettendecken Berlins zum Vorschein. Doch verweilen wir noch in der Lobby. Der Kamin knistert, weiter hinten lädt ein weiterer Raum, mit ebenfalls knisterndem Kamin und gemütlichen Sesseln zum Verweilen und Lesen in der Bibliothek. Und da ist er – der Wermutstropfen. Wie schön wäre es, hier nun etwas Tabakduft genießen zu können. Indes »Grau, treuer Freund, ist alle Theorie«, womit wir wieder bei Goethe und seinem Mephistopheles wären. Immerhin bietet die Terrasse selbst an kälteren Tagen ein behagliches Refugium und eine Fluchtmöglichkeit für den Genießer karibischer Tabakfreuden. Apropos Refugium. Erwähnt sei schnell noch der riesige Wellnessbereich, dem es an nichts mangelt. Höchstens vielleicht an der Zeit des Reisenden, dies alles ausgiebig zu genießen, um dann mit Goethe einzustimmen: »Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.«
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