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WIR IDIOTEN Von Lars Oldenbütte

Das waren noch Zeiten. Der Sommer 1974 war heiß. Zumindest in meinen Erinnerungen. Fußball wurde auch gespielt. Und es war der letzte Sommer in relativer Freiheit, bevor es für mich in die Schule gehen sollte. Aber davon vielleicht mehr bei anderer Gelegenheit. Mein liebster Ort war schon damals die Kneipe. Natürlich rein beruflich und aus rein soziologischer Motivlage. Denn dort habe ich meinen ersten Job bekommen – und gleich meinen zweiten.
Der erste bestand darin, meinen Großvater und meine drei Onkel, allesamt Maurer, an Freitagen frühzeitig aus der Kneipe abzuholen, bevor von der ohnehin mager gefüllten Lohntüte das meiste bei meiner Lieblingswirtin Ilse Brockmeyer, die mich zur Begrüßung immer innig an ihre Himalaja-Brüste drückte, in der Kasse verschwand. Jeder hatte anschreiben lassen und die muntere Deckelparade forderte an solchen Tagen ihren Tribut. Mit natürlicher Autorität eines Kindes ausgestattet, am Vormittag mit einer Rosinenwecke im Voraus bezahlt und mit kreativen Werbeslogans wie »Die Saubande soll endlich zum Essen kommen!« von meiner Großmutter bestens gebrieft, ging es den Sandweg (Straße und Fußweg waren noch ungepflastert) in den Tempel der Gemütlichkeit, den Dom der unbekannten Genüsse und die Kathedrale gehobener Gastlichkeit. Schwer war die in Eisen gefasste Glastür und schwerer noch der Brokatvorhang, der, im Halbrund an einer Messingstange aufgehängt, mit seinen unzähligen Kragenarmen den Weg ins Innere dem uneingeweihten versperrte. Drinnen war es Dunkel und Nebelig. Die estnische Stadt Reval, Rot Händel und das Kennzeichen der feinen Hansestadt Bremen hingen in der Luft und vermischten sich mit Schweiß, Pitralon, Bier und Korn zu einem bis heute unvergessenen Aroma. Klein war der Raum und dennoch mit über fünfzig Menschen, die in Dreierreihen am Tresen standen, gefüllt. Lohntüten-Tango nannte man dieses gesellige Wegsaufen der Arbeitswoche. Mein angeheirateter Onkel war auch da. Wie immer in seinem blutigen Schlachterkittel, an der Seite noch das Handwerkszeug seines zarten Berufes. »Ilse, mach dem Jung’ ma’ ein Sinalco«, kam aus der Richtung meines Großvaters. Das Ploppen des Kronkorkens war die Ouvertüre zu einer wahren Symphonie aus Limo, Gummibärchen und Eis. Ich rannte um den Tresen, nahm einen lagen Schluck aus meiner Sinalco und fing an mürrisch-trübes Dressler-Bier zu Zapfen, Gläser abzuräumen, volle Aschenbecher gegen leere zu tauschen, Frikadellen mit dreckigen Fingern zu verteilen oder Soleier neben die Gläser zu legen. So viel zu meinem zweiten Job. Und ich wusste: Hier war das Leben, hier waren die Welt der Erwachsenen. Denn hier wurde geraucht, bis die Lungen rasselten, wurde getrunken, bis die Köpfe ganz rot wurden, vielstimmig kontrovers politisiert und über die jüngste Aufstellung der Derwall-Buben diskutiert, bis die Stirnadern schwollen, fast barsten. Hier war alles unmittelbar, laut, echt, direkt und überaus geradeaus. Später fuhr man mit Schlagseite im Auto fort, in dem Sicherheitsgurte und Kopfstützen noch unbekannt waren (wenn es zu arg wurde, klaute der Dorfpolizist schon einmal die Schlüssel und fuhr den Zecher bis vor die Haustür), wankte nach Hause oder machte an Gartenzäunen ein Nickerchen. Eine eigene Sphäre und eine einzigartige, wundervolle Kultur, jenseits von Verordnungen, Regeln, Biosiegeln und übertriebener political correctness. Heile Heintje-Welt. Natürlich verlogen, aber als funktionierender Mikrokosmos zumindest teilwahrhaftig. Stück für Stück verschwunden, aufgegeben, vergessen. Nichts mehr als Erinnerung, eine Ahnung davon, was einmal war. Auf einer Ebene mit »Oppa erzählt ma’ wieder vom Kriech« mit Okulus-Verdrehung als Resultat beim Adressaten inklusive.
Zugegeben: Der Sicherheitsgurt hat im Laufe der Jahrzehnte sicher zehntausende Leben gerettet. Die Hygienebestimmungen lassen Salmonellen heute nur noch an Sonntagen zu und Millionen Passivraucher können jetzt endlich befreit durchatmen und unsterblich werden. Heute bin ich vierzig und kaum etwas ist von dieser großartigen Institution Namens »Kneipe« geblieben. Wir haben tatenlos zugesehen, haben mit unserem Konsumverhalten höchstselbst die Zyankali-Kapsel in die Münder unzähliger Wirte gelegt. Fuhren in den 80-ern und 90-ern ab auf schicke In-Diskotheken, überteuerte Italiener, trendige Sushi-Bars und bornierte Restaurants, die so echt französisch waren, wie Chantal und Nathalie in einem Bordell bei Herne/Süd. Wir haben zugesehen, es geschehen lassen. Haben nicht revoltiert, selbst als wir uns mit Glimmstengeln und guten Zigarren auf den Bürgersteigen vor den gastronomischen Einrichtungen wiederfanden. Aussätzige einer Lepra-Kolonie, in kleinen Gruppen beieinander stehend, frierend, sich stumm zunickend und von drinnen mit Blicken verfolgt, die mehr sagen als »Ihr lernt es wohl nie«. Wir werden auch nicht revoltieren, wenn wir zum nächsten Gin-Tonic einen Beipackzettel mitgeliefert bekommen. Statt einem munteren »Prosit« tragen wir dann ein devotes »mea culpa« auf den Lippen. Wir haben es selbst versaut. Wir Idioten.

Lars Oldenbüttel ist gemeinsam mit Florian Althans Herausgeber des Internet-Genussmagazins Kulinariker. Neben seiner Tätigkeit als Pressesprecher für Unternehmen undVerbände befasste sich der Politik - und Wirtschaftwissenschaftler bereits während seines Studiums mit Genussthemen und zählt als Journalist und Autor heute die Themen Wein, Restaurantkritik und Reise zu seinen Schwerpunkten. Als Chefredakteur prägt der bekennende Gourmet und leidenschaftliche Aficionado die inhaltliche Ausrichtung des Kulinariker. www.kulinariker.de

 
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