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Dienstbarer Genussliebhaber

Im vergangenen Jahr war bei der Inter-tabac neun Monate nach Inkrafttreten des so genannten Nichtrauchschutzgesetzes, was ja nichts anderes ist als ein Rauchverbotsgesetz, leichter Optimismus zu spüren. Trotz Einschränkungen ließen und lassen sich die Freunde des braunen Goldes nicht ihren Genuss nehmen. Kurz nach der Messe kam dann die Krise zum Tragen. Wie war das Jahr für dich. Gibt es eine Krise auf dem Cigarrenmarkt? Sowohl bei Herstellern und Händlern?
Ja so allgemein kann ich das natürlich nicht beantworten. Ich kenne meinen Bereich und habe nur ein bestimmtes Segment von Cigarren. Ich kann also nicht über den Low-Budget-Bereich reden. Vielleicht um mit Fakten zu beginnen: Die Umsätze sind stabil, gehen aber auch nicht nach oben. Was sicherlich spürbar ist, ist der Rückgang des Gelegenheitsrauchers, der mal im Restaurant eine Cigarre nimmt oder eben bei mir kauft. Das ist deutlich weniger geworden. Aber glücklicherweise ist das auch nicht meine primäre Zielgruppe. Das sind eher die eingefleischten Cigarrenliebhaber. Und wenn man sich das geschichtlich anschaut, haben sich die in prohibitionsähnlichen Zeiten nicht beeindrucken lassen. Dazu gehöre ich übrigens auch. Wir werden unsere Cigarrenleidenschaft sicherlich durch alle Unwägbarkeiten beibehalten. Was jedoch sichtbar ist, dass vor allem im hochwertigen Accessoirebereich eine gewisse Zurückhaltung besteht. Ich erkläre mir das so, dass Leute, die so etwas kaufen, durch die Krise Verluste gemacht haben, auch wenn das nur Papierverluste gewesen sein mögen, und nun ein wenig abwarten wieder Geld auszugeben. Da hat sich psychologisch eine Kaufzurückhaltung eingestellt. Das gilt aber nicht für das Premiumsegment bei Cigarren. Da sind die Preise, wenn man sie zum Beispiel mit den 50er Jahren vergleicht, deutlich höher im Verhältnis zum Einkommen. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was die Cigarre kosten würde, wenn sie hier gefertigt werden würde.
Du hast gerade über Preise gesprochen. In Krisenzeiten hört man oft, es geht nur sehr billig oder sehr teuer. Wie sind deine Erfahrungen?
Ganz billige Sorten führe ich ja nicht. Die Erfahrung zeigt, dass es nach oben hin keine Begrenzung gibt. Man sieht das immer bei Humidoren aus Havanna, die ja sehr teuer sind, aber selbst da gibt es praktisch keine Probleme beim Absatz. Ich bin gespannt, wenn jetzt die Siglio VI Reserva kommt. Man munkelt, sie wird um die 80 € kosten. Mal sehen. Aber ich denke die Limitierung wird dafür sorgen, dass es geht und am Ende werden es wohl wieder zu wenig sein.
Du bist jetzt im zwölften Jahr als Cigarrenhändler tätig. Wie war die Zeit, wie waren aus deiner Sicht die Veränderungen? Wenn man zum Beispiel auf Formate oder Zusammensetzungen schaut. In diese Zeit fällt ja aber auch die Blüte der Cigarre in den Jahren des so genannten Neuen Marktes.
Ja die Boomzeiten. Ende der 90er bis zu Beginn 2000. Da kamen viele neue Marken auf. Es war eine Goldgräberstimmung. Bei mir war und ist es aber nicht so – wie schon gesagt –, dass ich eine feste Klientel habe und auch einen konstanten Umsatz. Wenn man auf die Qualität der Cigarren schaut, ist zu beobachten, dass es bei den nichtcubanischen – jedenfalls bei den großen Marken – eine gleich bleibende Güte gibt. Bei den cubanischen gab es indes schon einige Ausschläge, besonders um die Jahrtausendwende. Stichwort H-2000. Wobei ich sagen muss, dass, wenn man sie heute raucht, sie doch etwas nachgelegt hat. Da wird eben besonders deutlich, dass Cigarren im Allgemeinen viel zu jung auf den Markt kommen. Also da ist heute wieder vieles ein wenig besser, aber es gab eben Leute – das habe ich in meinem Geschäft beobachtet – die der Havanna zumindest eine Zeit lang abgeschworen haben. Sie sind aber wieder zurück. Das ist für mich das Interessante, dass ein Havannaraucher keine Alternative hat. Dieser Tabak verschafft eine ganz besondere Befriedigung. Klar, es gibt wunderbare andere Cigarren, aber man kann es nicht so richtig erklären. Das Sättigungsgefühl ist bei der Havanna ein anderes.
Weil wir gerade beim Thema waren. Wie siehst du den Trend zu Jahrgangscigarren?
Na, in der Regel bezieht sich das ja vor allem auf die Deckblätter. Also zum Beispiel Macanudo oder Laura Chavin. Es ist sicher für jede Cigarre gut, wenn sie nach dem Rollen noch reifen kann. Besonders aber bei der Havanna. Das ist dann aber eben eine Frage des Geldes. Ein gutes Cigarrenlager aufzubauen kostet sehr viel Geld und Zeit und dann müssten die Cigarren auch teurer werden. Das ist aber wegen der Preisbindung nicht möglich. Ich probiere es mit meinem neuen Laden am Hafen trotzdem.
Ach ja, dein neuer Laden. Es ist nun schon der Dritte. Woher kam eigentlich die Idee zum Cigarrengeschäft? Du hattest ja zuvor eine völlig andere Profession?
Ich bin ja Psychologe und habe als Dozent und Berater gearbeitet. Nebenbei wollte ich noch etwas anderes machen. Vielleicht war es auch die Midlife-Crisis (er lacht in seiner wie immer leicht verschmitzten Art). Seit meiner Jugend liebe ich Cigarren, habe nie etwas anderes geraucht. Als ich nach Berlin kam, fehlte mir das klassische Cigarrenhaus. So habe ich es nebenbei begonnen und sehr schnell wurde aus dem Hobby der Hauptberuf. Aber vieles spielt natürlich in den Bereich der Psychologie. Riechen, Schmecken, Tasten – also niedere Sinne sind ja unerlässlich für den Genuss. Leider gibt es aus meiner Sicht bei den Importeuren keine Sensorikabteilungen. Ich würde das interessant finden. Vielleicht kreiere ich irgendwann mal eine Herzog A (jetzt muss er doch herzlich über sich selbst lachen).
Ist das ein Traum. Etwa wie Nat Sherman oder andere Händler, die eigene Cigarrenmarke zu haben?
Ja, da ist immer die Frage – im Fall von Nat Sherman und bei manch anderem weiß ich das nicht – ist das wirklich die eigene Cigarre oder lassen sie sich einfach eine Cigarre machen und kleben ihren Ring darum? Das würde ich nicht wollen. Wenn, dann möchte ich vor Ort selbst kreieren, meine eigene Seele einhauchen.
Du redest ja am liebsten über Cubanische Cigarren. Nun sind ja doch aber viele Ex-Cubaner mit ihren Tabaksamen gegangen und machen nun in der Dominikanischen Republik, Nicaragua oder anderswo Cigarren. Ist Cuba für dich trotzdem das Nonplusultra?
Ja! Ganz klar und das gibt eigentlich auch jeder zu, auch wenn er anderswo produziert. Das merkt man zum Beispiel auch daran, dass von anderen Produzenten immer wieder Aussagen kommen wie: Kommt an eine Havanna heran, oder: Ist so gut wie eine Havanna. Sie ist immer das Maß. Das ist auch verständlich, schließlich ist Cuba die Urmutter der Cigarrenproduktion. Außerdem kommen die interessantesten Tabake aus Cuba und vor dem Embargo spielten alle anderen Länder so gut wie keine Rolle. Und selbst wenn dort der gleiche Tabaksamen angepflanzt wurde und wird, entsteht etwas anderes. Das ist wie beim Wein, auch da schmeckt die Cabernet-Traube je nach Anbaugebiet unterschiedlich. Hinzu kommt die lange Verwurzelung der cubanischen Tabakbauern mit ihrer Kultur.
Haben also die Produzenten, die sich mit Cuba vergleichen, zu wenig Selbstbewusstsein?
Ja genau. Ich halte den Vergleich für vollkommen abwegig. Im Weinbereich passiert das ja auch mitunter, dass gesagt wird: Fast wie aus Bordeaux. Man wird dann beiden nicht gerecht. Und es ist so, wie du sagst. Man entwertet sein eigenes Produkt. Deswegen bin ich strikt dagegen bei der Kundenberatung, Vergleiche zwischen einer Havanna und einer Cigarre, zum Beispiel aus der Dominikanischen Republik, zu ziehen, wenn ein Kunde das wünscht. Es sind zwei unterschiedliche Welten mit eigenen Topprodukten. Ich habe aber in Honduras mit Produzenten gesprochen, die mir sagten, dass wenn die Situation sich ändert, sie wieder nach Cuba gehen und dort Cigarren fertigen. Das zeigt, dass eben Cuba wirklich besonders ist.
Apropos Situation. Was glaubst du passiert wenn…?
Da kann man nur in Szenarien denken. Das Embargo ist das eine, die gesellschaftliche Situation ist das andere. Es muss ja nicht so sein, dass wenn das Embargo fällt, sich sofort irgendetwas ändert. Ich denke der Fall des Embargos wäre für alle Cigarrenfreunde gut. Der Markt würde sich regulieren, vor allem in Richtung USA. Es wäre auch für Cuba gut, weil es die Möglichkeit bekommt, vielleicht weitere Felder zu bearbeiten, die im Moment brachliegen. Politisch kann ich mich nicht äußern. Ich glaube aber, dass Cuba durch eine enorme Vaterlandsliebe zusammengehalten wird. Ich denke nicht, dass sich die Cubaner von irgendjemandem reinreden lassen.
Aber das Geld, das dann von Außen kommt und was ja zum Teil schon da ist, wird doch seinen Teil beitragen…
Natürlich. Trotz allem. Wenn man die vergangen zehn Jahre anschaut, gab es immer wieder Zeiten, wo die Cubaner weg konnten. Aber so wie ich das Land kenne, ist Geld nicht alles. Für uns Europäer ist diese enge Bindung mit dem Land fast nicht nachvollziehbar. Vielleicht muss man dafür auf einer Insel leben.
Ich meine aber nicht nur das. Möglicherweise fällt doch dann das staatliche Tabakmonopol.
Tja, da magst du recht haben. Aber ich weiß auch nicht, was dann passiert. Sicher wäre es ganz schön für uns, wenn wir auf die Felder gehen und sagen könnten: Mach uns diese oder jene Cigarre. Aber – auch das ist ein wenig wie der Blick in eine Glaskugel. Man wird sehen.
Wenn es aber passiert und der US-Markt wieder offen ist: Befürchtest du durch die größere Nachfrage dann einen Einbruch in der Qualität?
Ja, sicher. Denn soweit ich das beurteilen kann, sind viele Amerikaner den klassisch cubanischen Geschmack entwöhnt. Es könnte also sein, dass eine neue Mischkultur Einzug hält. Ich bin aber auch überzeugt, dass die Europäer auf ihrem Geschmack bestehen. Es wird sicherlich mehr produziert werden, die Kapazitäten sind jedoch vorhanden.

Damit sind wir bei der Geschmacksfrage. Was ist denn für dich – unabhängig von Marken – eine gute Cigarre?
Gute Rollqualität, die Schönheit des Deckblattes, sie sollte möglichst ölig und fett sein, die Farbe und ganz wichtig der Reifezustand. Da fallen etliche Cigarren schon weg. Weil wir gerade beim amerikanischen Markt waren: Dort muss cellophaniert werden. Das ist dem Reifeprozess abträglich. All das, was in Cellophan daherkommt, zählt sicher nicht zu meinen Favoriten.
Meinst du da auch Tubos?
Ja. Die Topprodukte sollten als Halbrad in Naturkisten verpackt sein.
Wenn du auf deine Cigarrenjahre zurückschaust, gab es Neueinführungen, möglicherweise auch neue Marken, die dich überrascht haben?
Überrascht hat mich der Siegeszug der Maduro und die Wiedereinfühung von Doppelfigaurados, wie die zum Leben erweckten Formate von Cuaba.
Ich meinte auch regelrecht neue Marken. Etwa Maya Selva oder Laura Chavin. Hast du geglaubt, dass sie eine Chance haben?
Bei beiden war die Zeit sehr günstig. Damals war gerade der Boom der Cigarre. Der Markt war offen. Da war ich sicher, dass es funktioniert. Und bei beiden Beispielen ist sehr wichtig und sicherlich auch verkaufsfördernd, dass jeweils eine Person dahintersteht. Das Herzblut merkt man in beiden Fällen. Ohne das wäre es sicherlich schwieriger.
Zu etwas völlig anderem. Wir sitzen hier bei Kaffee und Cigarre. Was ist dein Lieblingsbegleiter?
Das ist abhängig von der Tageszeit und der Situation. Gern jedoch trockene Getränke. Also keinen süßen Portwein oder Sherry. Das ist mir von der Süße zu dominant. Sehr gern mag ich Single Malts, Rum und auch schwere Rotweine. Kaffee wie jetzt gerade oder auch ein Espresso passt zum Beispiel zu einer Divino ausgezeichnet
Jetzt zur Inter-tabac. Mit welchen Gefühlen bist du in diesem Jahr dabei? Krisenstimmung oder Optimismus?
Weder noch. Ich persönlich habe keinen Grund unter einer Krise zu ächzen. Bin aber auch nicht sehr optimistisch. Das hängt mit Unwägbarkeiten aus Brüssel zusammen. Wir wissen nicht, was da noch für Überraschungen von der EU kommen. Wegen der Krise ist die Antiraucherdebatte ein wenig in den Hintergrund getreten, aber sie wird wieder kommen. Da habe ich ein gewisses Unbehagen. Wenn wir Zustände wie in England bekommen, wird es schwierig. Die Cigarre wird nicht untergehen, aber wir dürften dann hier nicht sitzen und rauchen. Man muss kreativ überlegen, was man tun kann. Clubs, Privatveranstaltungen und das persönliche Zuschneiden des Portfolios für den Kunden zu Hause. Soweit, dass man dort auch nicht mehr rauchen kann, wird es ja hoffentlich nicht kommen. Geschichtlich gesehen wird es wohl so sein, dass wir in zehn, 20 Jahren Kinder haben, die fragen: Ist es wahr, dass man mal nicht rauchen durfte? In den 500 Jahren der Cigarre in Europa gab es schon ganz andere Prohibitionen. Ich bin also kritisch optimistisch. Das heißt, ich muss sehen, dass ich etwas Positives aus der Krise machen kann. Ich hoffe auch, dass die Zivilgesellschaft sich das nicht länger bieten lässt. Es geht ja nicht nur um das Rauchen. Es ist eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Und morgen ist es vielleicht der Zucker, übermorgen das Fett…
Man stelle sich vor, man hätte Churchill die Cigarre verboten…
Da kommen wir in ein Gebiet, das weit über die Cigarre hinausgeht. Es ist der aus meiner Sicht ideologisierte Gesundheitsbegriff. Gesundheit wird gleichgesetzt mit körperlichem Funktionieren. Wie bei einer Maschine. Genuss bleibt außen vor. Man sieht nicht die Bedeutung des Genießens für die Gesamtpersönlichkeit. Durch eine Cigarre zum Beispiel kann man aber in einen anderen Gesamtzustand kommen. Nachweislich ist es so, dass genussvoller Sex positiv für das Immunsystem ist. Genauso meine ich, stärkt entspannter Cigarrengenuss das Immunsystem. Ich habe genug Ärzte unter meinen Kunden, die das bestätigen.
Weil du gerade von deinen Kunden sprachst. Wie siehst du die Zukunft deines Geschäftes? Ist Internetverkauf die Zukunft? Und wird es Geschäfte wie deines noch in 20 Jahren geben?
Das hängt wie gesagt von der Politik ab. Aber ich glaube schon. Und beim Thema Internetverkäufe muss man an Davidoff denken. Er hat es abgelehnt, wenn seine Topkunden ihre Fahrer schickten, um Cigarren zu holen. Der Kunde sollte sich die Cigarren im Geschäft nach seinem Gusto selbst aussuchen. Das geht heute natürlich nicht mehr ganz so. Aber meine Internetkunden sind Leute, die mich kennen und die schon in einem meiner Geschäfte waren. Internet ist nur eine Ergänzung zum Einkauf beim guten Händler. Verkosten, riechen und fühlen gehören eben dazu.
Fast eine letzte Frage. Gibt es eine Max-Herzog-Lieblingscigarre?
Ja, die gibt es. Aber das ändert sich immer wieder. Im Moment ist es Montecristo Nr. 2. Zwischendurch war das immer wieder mal anders. Generell mag ich dicke Formate. Aber wie gesagt, wenn ich jetzt auf eine Insel müsste, mit nur einer Cigarre, wäre es Montecristo Nr. 2.
Diese rauchen wir zu Ende und reden noch über viele Fragen… Auch darüber, dass Genuss eben doch dienlich ist.
Von Honza Klein
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