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Geheimnisse des Tabakblattes
Wenn eine Cigarre degustiert wird, so spricht der Aficionado gewöhnlich über Aromen, Rauchstärken oder Brennverhalten. Wie aber hängen diese Merkmale mit der Tabakpflanze selbst und deren Biologie zusammen? Was ist der Zusammenhang zwischen dem braunen Blatt, welches die Grundlage der Tabakmischung ausmacht, und dem grünen Blatt, welches wiederum das Resultat der biologischen Pflanzenentwicklung ist?

Wenn wir darüber nachdenken, wird uns klar, dass je mehr wir uns mit der Tabakmischung beschäftigen, desto besser können wir das Tasting einer Cigarre schätzen und genießen. Bevor wir uns einer Cigarre sensorisch nähern und sie degustieren, müssen wir uns mit deren Tabakmischung und der unglaublichen Blättervielfalt befassen. Davor ist es jedoch unerlässlich, die Spezifik der grünen Blätter zu verstehen. Beschäftigen wir uns intensiver damit, entsteht eine Dynamik, bei der es Querverbindungen in alle Richtungen gibt. Genau das macht die Cigarrenwissenschaft schwierig und zugleich aufregend. Eine Cigarre zu verstehen, ist ein facettenreicher und sich wandelnder Wissenszweig, der interaktiv, interessant und unterhaltsam ist.
In diesem Artikel möchte ich den Zusammenhang erläutern, der ausschlaggebend für die Brückenbildung zwischen der Landwirtschaft – die Biologie der grünen Blätter – und der Cigarre selbst – die Mischung aus braunen Blättern – ist. Ich persönlich zähle diesen Zusammenhang zum Grundwissen der Cigarrenwissenschaft.
Wer sein Wissen darüber hinaus noch vertiefen will, sollte sich mit dem landwirtschaftlichen Aspekt und der daran anschließenden Prozesse wie Trocknen, Fermentieren und Mischen auseinandersetzten.
BIOLOGISCHE GRUNDLAGEN
Wie alle Pflanzen nutzt auch der schwarze Tabak die Lichtenergie, um Wasser und Mineralstoffe (roher Pflanzensaft) gemeinsam mit dem Kohlendioxid der Atmosphäre in Kohlenhydrate (organische Verbindungen oder entstandener Pflanzensaft) sowie in Sauerstoff umzuwandeln. Danach werden diese organischen Verbindungen zu den Wachstumszentren der Pflanzen transportiert, um in Verbindung mit Sauerstoff bei der Respiration neues Gewebe sowie Kohlendioxid und Wasser zu generieren.
FAKTOREN
Maßgebliche Faktoren für die unterschiedliche Zusammensetzung der Blätter sind: der Boden, das Wachstum und die Sonne.
Der Boden
Durch die Wurzelabsorption versorgt sich die Pflanze mit Wasser und Mineralien aus dem Erdboden. Diese gelangen dann zu den Blättern, sodass die lebensnotwendige Photosynthese stattfinden kann. Dies hat zur Folge, dass die »schweren« Mineralien gegen das Gesetz der Schwerkraft kämpfen müssen, um überhaupt die oberen Blätter der Pflanze zu erreichen. Aus diesem Grund ist die Konzentration der Mineralien in den unteren Blättern höher.
Das Wachstum
Die organischen Inhalte, die durch die Photosynthese entstehen, werden dorthin transportiert, wo die Pflanze den größten Wachstumsbedarf hat. Da die Pflanze eher vertikal als horizontal wächst, ist die Aktivität des schwarzen Tabaks hauptsächlich im oberen Teil der Pflanze konzentriert. Dies bedeutet, dass die Pflanze verstärkt Energie aufbringt, um neue Blätter wachsen zu lassen und weniger die bereits vorhandenen Blätter versorgt, damit diese an Größe zunehmen können. Die Blütezeit, die sehr viel Energie benötigt, findet normalerweise im obersten Teil der Pflanze statt und erhöht noch weiter die Konzentration organischer Verbindungen in diesem Pflanzenabschnitt.
Im Fall des schwarzen Tabaks verläuft dies jedoch anders. Da die natürliche Wachstumsenergie der Pflanze weitesgehend ausgeschöpft werden soll, werden ihre Knospen entfernt. Durch diesen Vorgang wird einerseits die Pflanzenenergie zu den seitlichen Blättern umverteilt und andererseits kann so die genaue Anzahl der kommerziell zu nutzenden Pflanzenblätter bestimmt werden.
Die Sonne
Da die oberen Pflanzenabschnitte stärker der Sonne durch Licht und Temperatur ausgesetzt sind als die unteren, haben sie dementsprechend eine höhere Konzentration organischer Verbindungen. Durch die enge Bepflanzung wird das Sonnenlicht durch die Schatten, die die benachbarten Pflanzen werfen, zusätzlich blockiert.
CHARAKTERISTIKA
Je nachdem, ob sich die Blätter in den oberen oder unteren Lagen der Pflanzen befinden, sind sie an Mineralien reicher oder ärmer und besitzen eine hohe oder niedrige Konzentration an organischen Verbindungen.
Vorausgesetzt alle Prozesse und Behandlungen wurden korrekt und klassisch – ohne spezielle Behandlungen – durchgeführt, dann sorgen einerseits die Mineralienbestandteile für ein gutes Brennverhalten und andererseits versorgen die organischen Bestandteile die Blätter mit Aroma, Geschmack und Stärke.
Natürlich beeinflusst die Einpflanzung nicht nur die chemische Zusammensetzung der Blätter, sondern modifiziert auch die physischen Eigenschaften der Pflanze. Die höher liegenden Blätter sind reicher an organischen Verbindungen, dunkler in ihrer Farbe, gröber in ihrer Textur, haben ausgeprägtere Adern und sind dicker als die unteren. Durch ihre geringe Konzentration an mineralischen Bestandteilen büßen sie in der Qualität der Brennbarkeit ein. Während der Ernte müssen Experten und Arbeiter diese unterschiedlichen Eigenschaften berücksichtigen und dürfen die Blätter auf keinen Fall vermischen.

CIGARRENBLEND
Die fünf Blätterarten, die für eine Cigarre benötigt werden, beeinflussen ganz unterschiedlich die Tabakmischung und kommen alle von verschiedenen Teilen der Pflanze.
Das Deckblatt
Als äußeres Cigarrenblatt muss es visuelle Anziehungskraft haben. Darüber hinaus spielt die capa aber auch eine sehr wichtige Rolle bei der aromatischen Wahrnehmung einer Cigarre und sollte zudem eine gute Brennbarkeit aufweisen. Dieses Blatt muss sozusagen »alles« haben. Mehrere Eigenschaften gleichzeitig müssen ausbalanciert sein, wie beispielsweise Elastizität und Glanz. All diese Gründe erschweren die Herstellung eines guten Deckblattes und steigern seine Kosten. Das Deckblatt wird den mittleren Pflanzenabschnitten entnommen.
Das Umblatt
Das capote muss nicht über solch herausragende äußere Merkmale verfügen, da es sich direkt unter der capa befindet. Allerdings darf das Umblatt auch nur eine begrenzte Äderung haben. Zwar hat das Umblatt weniger Einfluss auf das Cigarrenaroma, jedoch spielt es eine wesentliche Rolle beim allgemeinen Brennverhalten der Cigarre. Nur untere Pflanzenlagen finden für das Umblatt Verwendung.
Die drei Einlageblätter
Ligero: Als kräftigstes Blatt in der Mischung ist das Ligero für die Rauchstärke verantwortlich. Hierfür werden ausschließlich Blätter aus dem oberen Pflanzenabschnitt benutzt.
Seco: Dieses Blatt hält die Mischung zusammen und sorgt für die aromatische Ausgewogenheit. Blätter aus dem mittleren Pflanzenabschnitt werden hierfür ausgewählt.
Volado: In der Mischung ist das Volado das mildeste Blatt und versorgt die Einlage mit guter Brennqualität. Dieses Einlageblatt kommt aus dem unteren Pflanzenabschnitt.
FAZIT
Der jeweilige Zusammenhang von der Biologie und der Landwirtschaft sowie von der Mischung und der Degustation in punkto Blättereigentschaften und deren Handhabung haben wir jetzt in der Theorie analysiert. Was tatsächlich in der Praxis während des Pflanzenwachstums, der Blätterbehandlung oder der Degustation passiert, hängt von einer Mehrzahl an Faktoren ab und ist niemals gewiss. Die hier erläuterten Querverbindungen und Zusammenhänge bleiben theoretisch und können durch die Natur, Fahrlässigkeit oder eine gewollte Expertenmanipulation beeinträchtigt werden.
Um dem theoretischen Wissen ein wenig in die Praxis zu verhelfen, sind Sie herzlich eingeladen, eine Cigarre vorsichtig auseinander zu nehmen. Nachdem Sie die Blätter getrennt haben, versuchen Sie doch einmal das, was Sie gerade gelesen haben, mit dem, was Sie nun vor sich sehen, zu verbinden. Betrachten, berühren und riechen Sie jedes Blatt. Gehen Sie auf Endeckungsreise und belohnen Sie sich anschließend mit einer guten Cigarre.
TEXT: Didier Houvenaghel
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