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Grenzen der Vernunft

Ein verbreiteter Weinmythos besagt, dass jeder Wein mit dem Alter besser wird. Einmal abgefüllt, kann es Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern bis eines Tages ein »Glückspilz« den bräunlichen Korken zieht und sich einen Schluck vom rubin- oder goldfarbenen Wein einschenkt. Was passiert aber, wenn die dunkelbraune Flüssigkeit einen seltsamen Geruch offenbart? Wie sagt man so schön: Es hängt ab von… Wovon aber? Von der Rebsorte, der Qualität der Ernte oder der Herstellungstechnologie des Weins? Dabei kann die falsche Lagerung selbst den Wein verkommen lassen, auf den auch die Nachwelt Anspruch hätte.
1985 ist in der Weinwelt ein Ereignis eingetreten, dessen Nachhall bis heute hörbar ist. Der deutsche Weinsammler und Raritäten-Jäger Hardy Rodenstock kündigte an, auf einen wahren Schatz gestoßen zu sein: ein paar Dutzend alter Flaschen mit den Initialen »Th.J.«. Angeblich waren die Flaschen Eigentum von Thomas Jefferson, dem dritten Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Es ist bekannt, dass Thomas Jefferson Wein liebte und auch etwas davon verstand. Als er im jungen Alter amerikanischer Botschafter am Hofe von Louis XVI war, kaufte er Bordeaux für sich und den Präsidenten George Washington ein. Rodenstock stellte ein paar Flaschen auf einer Auktion bei Christie’s aus. Am 5. Dezember 1985 wurde eine Flasche Château Lafite 1784 für eine Rekordsumme von 105.000 Pfund Sterling versteigert. Der Käufer war Christopher Forbes, Vice President des Forbes-Verlags.
Ein weiterer »Glückspilz« war der amerikanische Milliardär Bill Koch, der vier Flaschen aus der besagten Jefferson-Sammlung für eine halbe Million Dollar ersteigerte. Koch ließ den Inhalt der Flaschen analysieren und bezichtigte Rodenstock der Fälschung. Die Ermittlungen sind bislang noch nicht abgeschlossen. Diese Geschichte wurde in Billionaire’s Vinegar zur Grundlage des Bestsellerautors Benjamin Wallace. Die Erscheinung des Buches führte übrigens zu weiteren Rechtsstreitigkeiten. Der Skandal um die mögliche Fälschung wurde von einer anderen lehrreichen und seltsamen Begebenheit überschattet, die ebenfalls von Wallace erzählt wurde. Schenkt man Forbes’ Statement Glauben, erwarb er den Château Lafite 1784 nicht vor dem Hintergrund eines großartigen Weins, sondern als ein Artefakt der großen amerikanischen Geschichte. Er hatte nicht vor, diesen zu trinken und interessierte sich nicht besonders für seine Qualität. Ernest Gallo, ein Freund der Familie und Besitzer des weltweit größten Weinguts E & J Gallo Winery, hatte vorgeschlagen, den Inhalt der Flasche mittels einer Stichprobe zu analysieren. Forbes aber lehnte ab.
Die Flasche wurde für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Personal der Forbes Galleries hatte den Wein unter einer Glaskuppel ausgestellt und entgegen allen Regeln der Weinlagerung einen hellen Scheinwerfer darauf gerichtet. Ein Weinexperte, der gekommen war, um sich die Rarität anzuschauen, schlug Alarm, aber leider zu spät. Der Korken war bereits ausgetrocknet und schwamm in der Flasche. Margaret Kelly, die Kuratorin der Ausstellung, rief entsetzt Michael Broadbent, den Weinexperten des Auktionshauses Christie’s, an und erhielt einen überraschend nutzlosen Ratschlag: Da der Wein nicht getrunken wird, sollte die Flasche einfach wieder verschlossen werden. Was aber geschah indessen mit dem Inhalt der Flasche? Nach dem Öffnen verwandelte sich der 200 Jahre alte Wein in Essig. Es ist aber auch möglich, dass dies bereits vorher passiert ist, wer aber kann das jetzt noch feststellen?
Ein Jahr nach dieser Geschichte stellte Rodenstock bei Christie’s eine der Flaschen des berühmten Sauternes Château d’Yquem 1784 aus derselben Jefferson-Sammlung aus. Nach der Blamage mit Forbes beschlossen die Organisatoren, keine Risiken mehr einzugehen und öffneten im Vorfeld eine entsprechende Flasche. Die Verkostung und die chemische Analyse bestätigten die Sauternes-Qualität. Dodi Al-Fayed, der für die Rarität 39.600 Pfund Sterling zahlte, hatte allerdings nicht die Absicht, den Wein zu trinken. »Er wird ihn als ein Kunstwerk aufbewahren«, erklärte nach der Auktion ein Sprecher des Milliardärs.
Rodenstock veranstaltete 1998 eine Verkostung des Château d’Yquem zweier Jahrgänge: Millésime 1784 und 1787. Die bekannte britische Weinexpertin Jancis Robinson teilte ihre Eindrücke mit der Los Angeles Times: »Diese zwei Weine, die vor der Französischen Revolution hergestellt wurden, waren überzeugend alt. Sie hatten eine dunkelbraune Farbe mit einem grünlichen Rand. Zunächst konnte man einen leicht verschimmelten Geruch wahrnehmen, der sich im Verlauf enthüllte und das Wunder des großen alten Weins in Aktion treten ließ, als das Aroma sich zu entfalten anfing.« Der 1784er Jahrgangswein hatte ein zartes weibliches Rosenaroma, der seinen Geschmack vollwertig erhalten und seinen Höhepunkt 15 Minuten nach dem Ausschenken des Weins erreicht hatte. Der 1787er Jahrgang erwies sich als stärker und energischer mit den reichen herbstlichen Aromen des verbrannten Zuckers und Unterholzes. »Im Großen und Ganzen sind Süßweine mit Edelfäule (Botrytis cinerea), insbesondere der Château d’Yquem«, so schlussfolgert Jancis Robinson, »die langlebigsten der Welt.« Tatsächlich werden alte Süßweine häufiger den Erwartungen gerecht als alte trockene Weine. Bei optimalen Lagerungsbedingungen können jedoch »exzellente Rotweine«, insbesondere Bordeaux, sehr lange überdauern.
Peter Meltzer, Experte des amerikanischen Wine Spectator, Sammler und Autor von Keys to the Cellar – Strategies and Secrets of Wine Collecting berichtet, dass ihm geglückt ist Château Lafite Rothschild aus einigen Ernten des 19. Jahrhunderts zu verkosten und dass alle Weine im ausgezeichneten Zustand waren.
Lafite 1870, der im Jahre 1983 zum Tisch gereicht wurde, erwies sich beispielsweise als ausdrucksstark, frisch und kompliziert. »Nichts erinnerte an ein Exponat aus einem Raritäten-Geschäft.« Gleichwohl teilt Meltzer die Meinung von James Laube, dem Wine Spectator-Redakteur: »Es ist besser, ihre Weine – französische oder die aus dem Hause Lafite stammenden – jung und frisch zu trinken, während diese sich noch im Reifeprozess befinden, als sie viel zu lange aushalten zu lassen, in der Hoffnung, dass in der Flasche ein Wunder passiert. Ich muss eingestehen, dass ich die größte Enttäuschung bei exzellenten Weinen erlebt habe, die als Jungweine gekauft und dann viel zu lange im Keller gelagert wurden. Die Erfahrung zeigt, dass die Mehrheit der Weine vorzugsweise als Jungweine zu trinken ist. Ich bin davon überzeugt, dass der Bordeaux 2000 ein phänomenaler Wein werden wird. Und dennoch sind Überraschungen möglich. Je länger man einen Wein lagert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines Misserfolgs. Besser früher als später.«
Jährlich werden weltweit mehr als 250 Millionen Hektoliter Wein erzeugt. Es gilt 70 Prozent dieses Umfangs innerhalb von drei Jahren auszutrinken. Gelegentlich veröffentlichen Wein-Nachschlagewerke interessante Tabellen der Langlebigkeit der Weine je nach Herkunftsregion. Chablis kann man beispielsweise von zwei bis zu fünf Jahren, Chablis Grand Cru von fünf bis zu zwölf und Montrachet von fünf bis zu 20 Jahren aufbewahren. Der Unterschied der Empfehlungen ist offensichtlich, obwohl es sich in allen Fällen um die weiße burgundische Rebsorte Chardonnay handelt.
Im Allgemeinen kann ein gewöhnlicher Burgunder-Rotwein acht Jahre und ein Chambertin ein Vierteljahrhundert lang gelagert werden, wobei in Abhängigkeit von weiteren Faktoren, wie dem Jahrgang oder dem Erzeuger, es zu Veränderungen der Lagerfähigkeit führen kann. Ein Sammler berichtete 2005 der New York-Times, dass er einen 1811er Chambertin degustierte und dieser noch immer in einem Top-Zustand war. Grundsätzlich wird empfohlen die Bordeaux-Weine innerhalb von fünf Jahren zu verzehren, Médoc kann bis zu zehn, Graves etwa 25 Jahre lagern, ebenso wie Margaux oder Saint Emilion Grand Cru Classé. Die Weine aus Apelación Pomerol empfiehlt man nicht länger als 20 Jahre zu lagern, obwohl es natürlich auch hier Ausnahmen gibt, allen voran der legendäre Langleber Château Pétrus.
Grundsätzlich hat jeder Wein einen Lebenszyklus, im Laufe dessen er sich entwickelt, entfaltet, den Höhepunkt seiner Reife erreicht, altert und letztendlich abdankt. Es gibt wenige Langleber unter den Weinen und diese sind alle außerordentlich kostspielig. Anfang Dezember 2009 fand in Paris eine Auktion der alten Weine aus dem Keller des berühmten Restaurants La Tour d’Argent statt. Die großen Bordeaux wie Cheval Blanc 1928 und 1949, Margaux 1970, Château Lafite 1970 und 1982, der Burgunder Volnay Santenots Leroy 1969 und Huët Vouvray Haut-Lieu 1919, der Süßwein von der Loire, kamen unter den Hammer.
Unter Umständen haben Sie die eine oder andere Flasche gekauft und entscheiden sich diesen eines Tages zu trinken. Bevor Sie jedoch einen Schluck davon nehmen, denken Sie an die unterhaltsame Geschichte, die von Michael Brodbentom in seinem Buch Vintage Wines – Fifty Years of Tasting Centuries of Wines erzählt wird.
Eines Tages führte der große Meister André Tchelistcheff (*1901 – †1994), der Patriarch der kalifornischen Weinbereitung, eine Verkostung von Château Lafite 1898 durch. Nach dem Dekantieren sagte er mit einem charmanten russisch-französischen Akzent: »Alten Wein zu verkosten ist das gleiche wie mit einer älteren Dame Liebe zu machen.« Der Saal verstummte. Er legte eine Pause ein und setzte fort: »Es ist möglich, es kann sogar Vergnügen bereiten.« Nach einem kleinen Schluck und einer weiteren Pause fügte er hinzu: »Aber es erfordert etwas mehr Vorstellungsvermögen.«
TEXT: MarINA RAZORENOVA
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