
Sollte man von einem echten Aficionado zu einer Wette herausgefordert werden, bei der der Einsatz eine Dom Perignon sein soll, tut man gut daran, sich erst zu vergewissern, ob es überhaupt um Champagner geht. Denn es müsste schon ein besonders guter Jahrgang oder eine Magnumflasche sein, um seltener und somit auch teurer zu sein, als die gleichnamige Cigarre, die allerdings deutlich unbekannter ist, als der nach dem Benediktinermönch benannte Luxuschampagner.
Gerollt wurden diese heute fast verschwundenen Cigarren ab 1977 in der El Laguito Fabrik in Havanna, einer alten herrschaftlichen Villa eines alten Zuckerbarons, der nach 1959 die Insel verließ. Diese Villa wurde dann von der cubanischen revolutionären Mitte der 60er Jahre in eine Cigarrenfabrik umfunktioniert. Sie gehörten zur berühmten Château-Serie, ursprünglich Cigarren der Marke Hoyo de Monterrey, die 1969 in die Marke Davidoff umbenannt wurden. Die Dom Perignon ist somit Teil einer Serie, zu der auch die Cigarren mit dem anmutigen Namen Château Haut-Brion, Château Lafite (Rothschild), Château Latour, Château Margaux, Château Mouton Rothschild und die Château Yquem gehören. Somit sind die Namen der großen fünf Châteaus im Bordeaux mit der Klassifizierung »Premier Cru«, der einzige Premier Cru-klassifizierte Sauternes, dem die Cubaner das kleine d und das Apostroph stahlen, und der erwähnte Champagner in der Cigarrenwelt unwiderruflich verewigt.
Interessanterweise berief sich als einziges Château das Sauternesweingut Château d`Yquem im Jahre 1982 auf seine Namensrechte und setzte durch, dass die gleichnamige Cigarre vom Markt genommen werden musste. Die anderen Châteaus sahen in der Nutzung ihres Namens bis zur Einstellung der Serie wohl eine positive Belegung ihres Namens. Bis heute sind die meisten dieser Cigarren, eine gute Lagerung ist natürlich vorausgesetzt, sehr gut rauchbar, schmackhaft und sensorisch von zeitloser Eleganz gesegnet. Daher sollte eine Wette um eine Dom Perignon also unbedingt gewonnen werden.
Sammeln oder rauchen
Cigarrenraucher sind Liebhaber, Aficionados und somit prädestiniert zum Sammeln ihrer Pretiosen. Um eine oder gar mehrere Dom Perignons im Humidor zu haben, muss man entweder in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts angefangen haben Cigarren zu sammeln oder sich regelmäßig bei Auktionen von Sotheby̕s oder Christie̕s bewegen. Ersteres erfordert eine beachtliche Contenance, um sie in den letzten 30 Jahren nicht geraucht zu haben und letzteres Geschick beim Erwerb. Wer heute keine Cigarren aus der Château-Serie hat, wird sie nur noch sehr schwer bekommen. Glücklicherweise gibt es jedoch aus den letzten Dekaden viele andere wunderbare Cigarren, die noch in ihren Kisten vor sich hinschlummern und auf den Moment warten, angeschnitten und geraucht zu werden.
Was aber zeichnet den wahren Sammler und Kenner aus? Es dürfte weniger das bloße Sammeln, das Horten der geschlossenen Kisten sein, um durch Wertsteigerung später einen Gewinn zu erzielen, als eine tatsächliche Leidenschaft, um etwas Wertvolles zu behalten und zu beschützen, sich einzuteilen und langsam und genussvoll zu genießen. Ein wahrer Aficionado besitzt und genießt, denn was bringt es dem Genießer nicht zu wissen, wie die Objekte seiner Leidenschaft schmecken. Es empfiehlt sich daher mindestens zwei Kisten einer begehrenswerten Cigarre zu kaufen, eine zum Rauchen und eine zum Sammeln bzw. zum späteren Rauchen.
Erwartungen an den Genuss
Einen kleinen Schatz in Form einer Flasche Wein, einer Spirituose oder einer besonders guten Cigarre besitzt jeder Aficionado, mindestens einen. Jeder hat einen und jeder schwärmt davon. Manche dieser Schätze sind für einen besonderen Moment bestimmt, den 18. Geburtstag des Kindes, den 25. Hochzeitstag oder den Tag der Pensionierung. Andere liegen und warten auf den ganz besonderen Moment, der aber noch nicht definiert ist. Die wenigsten werden aus einer Laune heraus geöffnet oder geraucht. Das ist auch gut so, denn Launen haben alle Menschen, die sensorisch wach durch die Welt gehen, wahrscheinlich deutlich mehr als die sogenannten Nichtschmecker. Bei entsprechend häufiger Launigkeit wären leere Weinschränke und Humidore an der Tagesordnung, was den Genießer als gleichzeitigen Sammler regelrecht ausschließen würde. Man müsste die edlen Produkte quasi vor ihren Besitzern beschützen und räumlich trennen, was sicherlich mit einer gewissen Entfremdung voneinander einherginge. Und doch spricht die bekannte englische Weinkritikerin Jancis Robinson vom perfekten Weinkeller: »The ideal of course is a quiet, dark cellar within easy, but not too easy, reach of one’s dining table, with a scrupulously honest, teetotal full-time wine steward in attendance. This is not common.« (Das Ideal wäre ein ruhiger, dunkler Keller in unmittelbarer Nähe zum Esstisch, aber nicht zu nah und mit einem überaus gewissenhaften, alkohol-abstinenten Vollzeitweinkellner in Bereitschaft. Dies ist nicht die Regel.) So wären die Schätze erreichbar und würden dennoch einem gewissen Schutzmechanismus unterliegen.
Bei Cigarren empfiehlt es sich, Humidore für die täglichen Entnahmen, für besondere Cigarren und für wirkliche Raritäten anzulegen. Was sich bei allen Genussmitteln, die man tatsächlich horten kann, nicht empfiehlt, ist sie so gut wie nie zu konsumieren und den großen Moment des Öffnens oder Anzündens vor sich herzuschieben. Wer die Latte der Erwartungshaltung zu hoch legt, riskiert nicht nur das Produkt, sondern auch den Moment und die eigene Empfindung in diesem Moment, so er dann gekommen ist, überzustrapazieren. Abgesehen davon, dass die meisten Weine und Cigarren auch überlagert werden können, ist oft ein kleiner Moment der bessere, um ein lang gehütetes Kleinod zu verzehren. Denn in diesen Momenten kann ein Schatz glänzen, während er im gleißenden Licht des lang erwarteten Ehrentags weniger wertvoll erscheinen könnte. Schließlich sind Cigarren final dazu da, geraucht zu werden.
Das Inter-tabac-Event: Gereifte cubanische Cigarren
Frei nach Johnny Cash und Willie Nelson rief Cigar Clan zum Tasting im Rahmen der Inter-tabac 2010 auf: »Lets all come together and smoke each others cigars!« (Lasst uns alle zusammenkommen und des anderen Cigarren rauchen!) Man hatte die besten Fachhändler, Cigarrensammler und Sensoriker aus der Wein- & Spirituosenbranche gebeten, gereifte cubanische Cigarren mitzubringen und zum zweiten Sonntagsfrühstück an den Stand des Generalimporteurs für cubanische Cigarren eingeladen. 5th Avenue hatte seinen Marketingchef Christoph A. Puszcar tief in den Cigarrenkeller geschickt, um ein paar Pretiosen herauszusuchen und auch der Rest der Runde war prominent besetzt. Die Auflagen waren einfach: Es sollten Cigarren sein, die mindestens zehn Jahre oder als Edicion Limitada mindestens fünf Jahre gereift waren. Nach einer kleinen Rieslingerfrischung wurden die Cigarren verteilt, geraucht und verkostet, mit durchaus interessanten Ergebnissen.
TEXT: Matthias Martens
|